Sansibar
oder der letzte
Grund
Semesterarbeit BM
Deutsch
Inhaltsverzeichnis
1. Alfred Andersch - die
Biographie 2
2. Die wichtigsten Werke von Alfred
Andersch 4
3.
Entstehungsumstände 4
4.
Literaturgattung 5
5.
Zusammenfassung
• Allgemein 5
• Figurencharakteristik: Junge 5
Knudsen 6
Helander 7
Judith 7
Gregor 8
Klosterschüler 8
6.
Interpretation 9
7.
Zitatnachweis 11
8.
Literaturverzeichnis 11
1. Alfred Andersch - die
Biographie
1914 Alfred Andersch wird am 4.2.1914 in
München geboren. Sein Vater ist Versicherungsagent und Kaufmann von Beruf.
Er stammt aus einer nach Ostpreussen ausgewanderten Hugenottenfamilie. Anderschs
Mutter kommt aus Böhmen. Er wächst zusammen mit seinen Brüdern
Rudolf und Martin auf. Die Kindheit von Alfred Andersch fällt mitten in den
Ersten Weltkrieg.
1920-1928 Alfred Andersch besucht die
Volksschule und das Wittelsbacher Gymnasium. Er ist als fauler Schüler
bekannt. Alfred kann in keinem Fach glänzen, ausser in deutschen
Aufsätzen, mit denen er seine Lehrer beeindruckt.
1929/1930 Wegen seinen schlechten Noten wird
Andersch nicht in die nächst höhere Klasse versetzt. Der
vierzehnjährige Alfred macht daher eine Lehre als Buchhändler im
kleinen Wega-Verlag. Alfreds Vater stirbt nach langer Leidenszeit an einer
Kriegsverletzung. Andersch schliesst sich dem Kommunistischen Jugendverband
(KJV) an, obwohl die Familie traditionell bürgerlich ist.
1932/1933 Anfang 1932 wird der nun
achtzehnjährige Alfred Andersch, wie so viele in Deutschland, arbeitslos.
Er beginnt verstärkt in der KPD (Kommunistische Partei Deutschlands)
mitzuwirken. Hier ist der Anfang Anderschs politischer Arbeit. Wegen seiner
Fähigkeit, Dinge systematisch anzupacken, wird der Jungkommunist schnell
zum Organisationsleiter des KJV ernannt.
1933 Am 27. Februar brennt der Deutsche
Reichstag. Weil Andersch Kommunist ist, wird verhaftet und ins KZ Dachau
gebracht, im Mai entlassen und im Herbst erneut wieder verhaftet. Anschliessend
wird Alfred Andersch unter Gestapo-Aufsicht gestellt und muss seine politischen
Aktivitäten einstellen.
1934 Nach Anderschs Italienreise entstehen die
ersten schriftstellerischen Arbeiten.
1935 Andersch heiratet Angelika Albert, Tochter
eines wohlhabenden Fabrikanten. Sie ist Halbjüdin.
1937-1940 Als Büroangestellter findet
Andersch Arbeit in München und Hamburg. Er zieht sich langsam aus der
zerbrechenden Ehe mit Angelika zurück.
1940 Alfred Andersch wird eingezogen und ist
Besatzungssoldat in Frankreich.
1941-1943 Er wird vorübergehend aus der
Wehrmacht entlassen und arbeitet als Werbeleiter in Frankfurt.
1943/1944 Erneut wird Andersch eingezogen und
desertiert am 6. Juni 1944 an der italienischen Front zu den
Amerikanern.
1944/1945 Andersch wird Kriegsgefangener in den
USA. Er beteiligt sich während seinen Aufenthalten in Fort Ruston, Fort
Kearney und Fort Getty an der Redaktionsarbeit für die
Kriegsgefangenenzeitschrift “Der Ruf”. Danach kehrt er nach
Deutschland zurück, wo er als Redaktionsassistent Erich Kästners bei
der “Neuen Zeitung” in München arbeitet. Später gibt
Andersch zusammen mit Hans Werner Richter die Zeitschrift “Der Ruf”
heraus. Das Blatt wird nach der 16. Auflage von der amerikanische
Militärregierung in Bayern verboten.
1947 Alfred Andersch nimmt an der ersten Tagung
der “Gruppe 47” teil.
1948-1950 Andersch beginnt mit der Arbeit als
Redaktor für das “Abendstudio” beim US-Sender Radio Frankfurt.
Er heiratet am 25. 4.1950 die Malerin Gisela Groneuer.
1951-1953 Für die Radiosender Hamburg und
Frankfurt arbeitet Andersch als Leiter der Feature-Redaktion. Während
dieser Zeit entsteht die Buchreihe “studio frankfurt”. In dieser
Buchreihe veröffentlicht Andersch Werke von Ingeborg Bachmann, Heinrich
Böll, Werner Helwig, Arno Schmidt, Ernst Schnabel und Wolfgang
Weyrauch.
Andersch erstes Werk “Die
Kirschen der Freiheit” entsteht.
1955-1958 Er gründet
“Radio-Essay” im Süddeutschen Rundfunk und wird
Redaktionsleiter. Gleichzeitig ist er Herausgeber der Zeitschrift “Texte
und Zeichen”. Im Jahr 1955 beginnt Andersch mit der Niederschrift des
Romans “Sansibar oder der letzte Grund”. Zwei Jahre
später wird der Roman veröffentlicht.
1958 Alfred Andersch gibt seinen Beruf auf. Er
siedelt nach Berzona (Onsernonetal) in die Schweiz über, wo er als freier
Schriftsteller lebt. Er erhält den Deutschen Kritikerpreis für
“Sansibar oder der letzte Grund”.
1961 Der Roman “Sansibar oder der letzte
Grund” wird von Leopold Ahlsen verfilmt.
1962-1976 Andersch unternimmt Reisen nach Rom,
Berlin, Mexiko, Spanien und Portugal. 1965 leitet er eine Filmexpedition des
Fernsehens in die Arktis.
1977 Er erkrankt schwer und muss eine
Nierentransplantation vornehmen lassen.
1980 Am 21.02.1980 stirbt Alfred Andersch im
66. Lebensjahr.
2. Die wichtigsten Werke von Alfred
Andersch
1947 Getty oder die Erziehung der
Retorte
1948 Deutsche Literatur in Entscheidung. Ein
Beitrag zur Analyse der literarischen Situation.
1949 Europäische
Avantgarde
1952 Kirschen der Freiheit (autobiographischer
Bericht)
1957 Sansibar oder der letzte
Grund
1960 Die Rote
1963 Ein Liebhaber des
Halbschattens
1965 Fahrerflucht / Die Blindheit eines
Kunstwerkes
1967 Efraim
1970 Tochter
1971 Mein Verschwinden in der
Providence
1974 Winterspelt
1980 Vater eines Mörders
1983 Flucht in Etrurien
3.
Entstehungsumstände
Alfred Andersch beginnt mit der Niederschrift
des Romans im Jahre 1955. Er verarbeitet dabei seine Erlebnisse aus dem Krieg:
Den Tod seiner Schwiegermutter im KZ Theresienstadt und die Schuldgefühle
gegenüber seiner ersten Frau Angelika, welche er nicht retten konnte. Er
verband dies mit der Rettung des “lesenden Klosterschülers” und
dem Rückgewinn menschlicher Würde aus einer schier auswegloser
Situation. Aus einer Zeitungsnotiz wusste Andersch, dass der Zigarettenfabrikant
Hermann Reemtsma im Dritten Reich Plastiken von Ernst Barlach gekauft hatte, um
diese vor den Nazis zu schützen. Er erinnert sich dabei auch an eine
Wanderung von 1938, die ihn der mecklenburgischen Küste entlang
führte. Er nannte dieses Romanprojekt “Graues Licht”, weil
seine Gedanken an die Wanderung wie in eine graues Licht gehüllt
waren.
Obwohl Andersch in dieser Zeit unter
Dreifachbelastung stand (Rundfunkredaktor, Zeitschriftenherausgeber,
Romanautor), schrieb er diszipliniert jeden Morgen am Projekt “Graues
Licht” weiter. Es kränkte Andersch, dass sich kein Verlag für
den Sansibar-Roman interessierte. Der achtundzwanzigjährige Verleger Otto
F. Walter wurde durch einen Text aus “Texte und Zeichen” auf ihn
aufmerksam. Dieser war begeistert vom Manuskript. Anfang Januar 1956 konnte
Andersch das fertige Manuskript dem Walter-Verlag aus Olten übergeben. Der
Verlag äusserte sich lobend über das Werk. “Sansibar oder der
letzte Grund” wird veröffentlicht und es zeigt sich, dass Andersch
einen Bestseller geschrieben hat.
4.
Literaturgattung
“Sansibar oder der letzte Grund”
lässt sich klar in die Kategorie der Nachkriegsromane einordnen. Sowohl
Inhalt als auch Zeitpunkt deuten auf einen Nachkriegsroman. Der Begriff
Nachkriegsliteratur sagt eigentlich alles. Man versteht darunter allgemein die
nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen ist und sich thematisch direkt oder
indirekt mit Ereignissen vor, während oder nach dem Krieg
befasst.
5.
Zusammenfassung
Allgemein
Andersch wendet hier die Technik der
“parallelen Figurenführung” an. Die Erzählperspektive ist
begrenzt, so dass der Leser nur etwas über die Wahrnehmung und den
Charakter der einzelnen Personen erfährt. Das Buch ist in Abschnitte, die
einer Person zugeordnet sind, unterteilt. Die inneren Monologe wechseln sich ab,
wobei jeder zweite Abschnitt dem Jungen zugeordnet ist.
Im Herbst 1937 treffen im Ostseestädchen
Rerik fünf Menschen zusammen. Was sie verbindet, ist die Flucht. In der
Kirche des Hafenstädchens ist eine Plastik von Ernst Barlach, welche die
Nazis konfiszieren wollen. Der “lesende Klosterschüler” bildet
den stummen Mittelpunkt der Gruppe. Jedes Gruppenmitglied ist einer durch
persönlichen Verlust heraufbeschworenen Krise ausgesetzt: Judith hat ihre
Mutter, der Junge seinen Vater, Helander seinen Gott und Gregor seine Freundin
verloren.
Figurencharakteristik
JUNGE
Im Roman nimmt der Junge eine spezielle Rolle
ein. Alle Kapitel vom Jungen sind mit kursivem Schriftsatz gedruckt. Andersch
beginnt und beschliesst seinen Roman mit einem solchen Kapitel.
Der Junge ist fünfzehn Jahre alt. Er
arbeitet als Schiffsjunge bei Knudsen. Der Junge lebt bei seiner Mutter, von der
er sich nicht verstanden fühlt. Er leidet darunter, ohne Vater aufgewachsen
zu sein. Dieser galt in Rerik als Säufer, der, als der Junge fünf
Jahre alt war, mit seinem Boot kenterte und in der Ostsee ertrank. Seine
Freizeit verbringt der Junge in seinem Versteck, welches sich in einem alten
Speicher befindet. Hier liest er Huckleberry Finn, mit dem er sich
identifizieren kann. Er träumt davon, als Matrose auf einem Frachter
über das Meer zu segeln und Abenteuer wie Huckleberry Finn zu erleben.
Seinen Traumberuf kann er in Rerik nicht verwirklichen, weil seine Mutter ihm
die Erlaubnis nicht gibt. Diese möchte verhindern, dass dem Jungen das
selbe Schicksal widerfährt wie dem Vater. Daher möchte er weg aus
Rerik. Seine Fluchtgedanken begründet er mit drei
Argumenten:
• In
Rerik ist nichts
los
• Rerik
hat seinen Vater
getötet
• Es
gibt “Sansibar” hinter der offenen See
Während dem Verlauf des Romans macht der
Junge einen Reifungsprozess durch. Er entwickelt sich vom pubertierenden Kind
zum Jugendlichen, der lernt Verantwortung zu übernehmen. Er stellt fest,
dass seine Situation nicht vergleichbar ist mit jener Huckleberry Finns. Die
oben beschriebenen Argumente verlieren ihre Wirksamkeit für sein Denken und
Handeln. Er sieht, dass in Rerik tatsächlich etwas los ist. Auch einen
Hauch von “Sansibar” entdeckt er, indem er die offene See
überquert. Aus diesen Gründen gibt er seine Gedanken an eine Flucht in
die schwedischen Wälder auf und kann mit Knudsen nach Rerik
zurückkehren.
KNUDSEN
Knudsen ist ein Dorschfischer, der mit seiner
geisteskranken Frau Berta zusammen in Rerik lebt. Er ist das letzte aktive
Mitglied der kommunistischen Partei in der Stadt. Fischer Knudsen ist von der
Partei enttäuscht, da sie nichts gegen den Nationalsozialismus unternimmt.
Daher trifft er sich widerwillig mit Gregor. Er fühlt sich dabei hilflos
“wie ein Fisch an der Angel”1. Vom ersten Augenblick an
missfällt ihm der Parteifunktionär Gregor, weil Knudsen merkt, dass
jener desertieren will. Zu Beginn der Handlung wird er von Helander gebeten den
“Lesenden Klosterschüler” nach Skilling zu transportieren. Er
lehnt dieses Ansinnen entschieden ab: “Der Pfaffe, dachte Knudsen. Der
verrückt Pfaffe. Ich soll ihm seinen Götzen retten.”2
Sein Hass auf Gregor vergrössert sich, als er von ihm gezwungen wird, die
Plastik zu retten. Knudsen sieht die Rettung des “Lesenden
Klosterschülers” als seine letzte Aktion im Name der Partei an.
Knudsen fühlt sich getäuscht von Gregor, als dieser ihn mit Judith
konfrontiert. Mit der Weigerung von Knudsen, Judith mitzunehmen, kommt es zu
einer tätlich Auseinandersetzung zwischen Knudsen und Gregor.
Schlussendlich erklärt sich Knudsen bereit, Judith mitzunehmen, sogar
Gregor würde er mitnehmen. Um keine Schwäche zu zeigen, lehnt Gregor
Knudsens Angebot ab.
Obwohl Knudsen die beste Möglichkeit zu
einer Flucht hätte, flieht er nicht. Dies liegt an seiner Frau, die er sehr
liebt. Würde er sie zurücklassen würde, hätte sie bei den
Nazis kaum Ueberlebenschancen. Bei einer Flucht mit Berta würde sie im
Ausland in eine Irrenanstalt gesteckt, was Knudsen vermeiden will. Knudsen sieht
seine Freiheit in Rerik nicht bedrängt, solange er den
“Anderen”13 nicht auffällt. Deswegen entschliesst er
sich in Rerik zu bleiben.HELANDER
Helander ist evangelischer Pfarrer in der
Georgenkirche in Rerik. Er spielt die schicksalhafteste Figur im Roman. Im
ersten Weltkrieg wurde ihm nach einer Kriegsverletzung ein Bein amputiert. Er
leidet zudem an Diabetes. In letzter Zeit hat sich sein Beinstumpf
entzündet und die Schmerzen sind grösser geworden. Sein Arzt gibt ihm
vorsichtig Auskunft, doch Helander weiss, dass er nicht mehr allzu lange zu
leben hat. Obwohl er eine Kämpfernatur zu sein scheint, leidet er stark. Er
ist in einem Glaubenskonflikt. Seit dem Tod seiner Frau fühlt er sich
einsam und allein. Auch von Gott fühlt er sich allein gelassen. Innerhalb
der Kirche ist er isoliert, da seine Amtsbrüder sich längst mit den
nationalsozialistischen Machthabern arrangiert haben. Er betet “gegen die
Lehre”3 und wartet auf ein Zeichen Gottes. In Helanders Sinn
wäre ein solches Zeichen, ein Hinweis auf das gottesunwürdige Handeln
und die Verbreche der “Anderen”. Er zürnt Gott und wirft ihm
vor “ein Spieler” zu sein, “der das Reich den
Anderen”4 überlässt.
Helanders besondere Sorge gilt dem
“lesenden Klosterschüler”. Er betrachtet ihn nicht so sehr als
Kunstwerk, sondern als grösstes Heiligtum seiner Kirche. Der “lesende
Klosterschüler” ist für ihn ein Symbol der geistigen Freiheit.
Im “lesenden Klosterschüler” entdeckt Helander Eigenschaften
wie Kritikfähigkeit und Individualität, welche bei den
“Anderen” unerwünscht sind. Daher hat die Rettung der Plastik
für ihn oberste Priorität. Er muss auf die Hilfe von Knudsen und
Gregor hoffen, da es in Rerik sonst keine Menschen mehr gibt, denen er vertrauen
könnte. Genau wie Gregor und Knudsen gehört Helander zu den
Abtrünnigen einer Organisation.
Helander gerät immer tiefer in eine
Glaubenskriese. Er beginnt sich gegen Gott aufzulehen. Als die GESTAPO den
“lesenden Klosterschüler” abholen will, bricht er so gar das
christliche Gesetz “Du sollst nicht töten”. Er fühlt sich
von Gott berufen, auf den GESTAPO-Mann zu schiessen. Mit seinen Schüssen
will er “die Starre und Trostlosigkeit”5 durchbrechen.
Bevor er von “den Anderen” getötet wird, sieht er endlich das
Zeichen Gottes: ein Taubenschwarm. In diesem Augenblick erlebt er den Zustand
der absoluten Freiheit.
JUDITH
Judith stammt aus einer grossbürgerlichen,
jüdischen Familie. Die achtzehnjährige Hamburgerin ist gebildet,
hübsch und geschmackvoll gekleidet. Auf Wunsch ihrer invaliden Mutter,
welche kurz zuvor Selbstmord gemacht hat, begibt sich Judith nach Rerik um mit
einem Schiff zu flüchten. Durch ihr Aussehen fällt sie auf und ist
deshalb gefährdet (Wirt: “Sie sehen so ausländisch
aus”8).
Da Judith bislang gut behütet worden ist,
ist sie unsicher und hat Mühe, selbst Entscheidungen zu treffen. Auch mit
dem Einschätzen von Personen hat sie Probleme. Dies kommt gut zum Ausdruck,
als sie sich mit einem Steuermann eines schwedischen Dampfers einlässt und
zu spät merkt, dass er ihr nicht helfen kann. Ihr eigener Fluchtversuch
scheitert, eine Verhaftung droht.
Durch die zufällige Begegnung mit Gregor
ergibt sich zusammen mit dem “lesenden Klosterschüler” eine
Fluchtmöglichkeit. Während der Flucht wird sie wie der Junge
erwachsen. Ihre kindlich-romantischen Vorstellungen, in einer geborgenen Welt zu
leben, zerbrechen. Bei ihr vollzieht sich, ähnlich wie beim Jungen, einen
Wandel vom der Jugendlichen zur jungen, gereiften Frau.
GREGOR
Gregor, einer junger Funktionär der
kommunistischen Partei, hat vom Zentralkomitee den Auftrag erhalten, in Rerik
eine neue Kerngruppe aufzubauen. Durch sein unauffälliges Aussehen, ist er
der geeignete Mann dafür. Zuvor wurde er an der Moskauer Lenin-Akademie in
dialektischem Materialismus ausgebildet. Bei den stalinistischen
Säuberungen musste er erfahren, wie seine deutsche Freundin verhaftet
wurde. Seither hat er Zweifel an den starren Ideologien bekommen. Er möchte
daher in Rerik seinen letzen Auftrag erfüllen und anschliessend ins Ausland
fliehen. Beim Treffen in der Kirche mit Knudsen sieht er den “lesenden
Klosterschüler”. Die kritische Haltung der Figur beschleunigt den
Ablösungsprozess von der Partei. In ihr sieht er “einen, der ohne
Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen und
fortgehen”6 Nun kann er innerlich frei zu neuen Taten
schreiten.
Gregor macht die Rettung der Holzplastik zur
eigenen Sache, als er Helander trifft, der Knudsen überreden will, ihm zu
helfen. Die Aktion “lesender Klosterschüler” führt ihn zu
Judith. Er erweitert seinen Plan zur Aktion “jüdisches
Mädchen”.
Gregors selbstkritische Haltung festigt sich im
Laufe der Aktion und überzeugt ihn, dass man nur so frei wählen und
handeln kann.
Gregor ist diejenige Person, welche die
einzelnen isolierten Romanfiguren verkn¸pft und die Handlung
vorantreibt.
DER LESENDE
KLOSTERSCHüLER
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Der “lesende Klosterschüler”
steht auf der Liste der Kunstwerke, welche in der Oeffentlichkeit nicht mehr
gezeigt werden sollen. Er gehört also zu der unerwünschten,
“entarteten” Kunst. Kunstwerke, die nicht linientreu waren,
wurden
während der Nazi-Zeit magaziniert oder
vernichtet. Im Roman liefert die Plastik von Barlach den Kristalisationspunkt
für die äussere und innere Handlung. Die fünf einander
unbekannten Menschen werden zusammengeführt. Die Skulptur wird vom Autor
als Inbegriff und Verkörperung der individuellen, kritischen und geistigen
Freiheit dargestellt. Die kritische Lesehaltung des Klosterschülers fordert
die Romafiguren zum Handeln auf. Die Personen sollen gemeinsam der Tyrannei
widerstehen. Judith erkennt in der Holzfigur “einer der liest was er will.
Und deswegen muss er jetzt auch wohin, wo er lesen kann, was er
will.”7 Auch der sonst zugeknöpfte
Knudsen wird von der Figur berührt:
“ein seltsames Wesen aus Holz in der Dunkel-heit”9.
Selbst der Junge ist fasziniert: “Seine Augen hatten sich die ganze Zeit
nicht von dem hölzernen Wesen zu lösen vermocht. Ich werde Knudsen
fragen müssen, warum man die Figur von ‘nem Jungen, der weiter nichts
tut als lesen, nachts heimlich über die See schaffen
muss”10. Gregors Schlüsselaussage über die Firgur:
“Er ist ganz anders. Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch
zuklappen und aufstehen kann, um etwas ganz anderes zu
tun.”11
Die Holzplastik “Der lesende
Klosterschüler" wurde vom Bildhauer Ernst Barlach im Jahre 1930 geschaffen.
Die 155 cm hohe Figur steht heute in Güstrow. In der
nationalsozialistischen Zeit Deutschlands wurde Barlach in seiner
künstlerischen Arbeit eingeschränkt und behindert. Wie viele andere
Künstler erhielt er Berufsverbot; seine Skulpturen wurden aus Kirchen und
Museen entfernt.
6.
Interpretation
In Anderschs Roman “Sansibar oder der
letzte Grund” ist die Freiheit das zentrale Motiv zur Flucht. "Sansibar"
ist ein Bild f¸r die Freiheit.
Jede Person in Anderschs Roman symbolisiert
eine bestimmte Gruppe von Menschen, die von den Nazis verfolgt
wurden:
• Judith
steht für die
Juden
• Knudsens
Frau für die vom Enthanasieprogramm
Betroffenen
• Helander
für die Gegner der anpasserischen
Kirche
• Gregor
für die illegalen, kommunistischen
Widerstandsk‰mpfer
• Barlachs
Statue f¸r verfemte K¸nstler
Nur der Junge, der keiner Gefahr ausgesetzt
ist, verweist auf keinen historischen Aspekt einer
Fluchtsituation.
Mit der unterschiedlichen Art des Sprechens
werden die Personen klar charakterisiert. Der Junge spricht kindlich, Judith
gebildet, Knudsen umgangssprachlich. Andersch bringt so die Personen dem Leser
näher. Man erinnert sich vielleicht selbst daran, wie es war, als man
Huckleberry Finn las.
Am Ende des Romans findet jede Figur die
Freiheit, die junge J¸din real, die andern in ihrem Innern. Die Befreiung
wird mˆglich, indem sich die Personen aus freiem Willen f¸r einen
andern Menschen einsetzen.
Andersch will mit seinem Roman die
Erinnerungen an die Tyrannei Nazi-Deutsch-lands wachhalten. “Es ist eine
Warnung an ‘alle, die es angeht’.”12 Andersch
protestiert mit dem Buch gegen die Mächtigen, welche den einzelnen
Individuen die Entscheidungsfreiheit nehmen.
Aus eigenem Interesse hätte ich dieses
Buch kaum gelesen. Normalerweise lese ich zur Unterhaltung. Bei einem solchen
Werk muss man viel mehr selbst Mitdenken. Indem ich mich genauer mit Andersch
und dem Roman beschäftigt habe, bekam der Roman plötzlich neue
Aspekte. So entdeckte ich Parallelen zwischen Anderschs Biographie und dem
Roman. Beispielsweise ist die Kriegsverletzung von Helander identisch mit
derjenigen von Anderschs Vater.
Indem der Roman vom Zweiten Weltkrieg handelt,
ist er wieder sehr aktuell. Täglich liest man in der Presse über den
Holocaust. Etwas Hintergrundinformation sowie verschiedene Aspekte und Meinungen
kennenzulernen, denke ich, schadet sicher
nicht.7.
Zitatnachweis
Sansibar oder der letzte Grund, Diogenes
(Taschenbuchausgabe):
1) Seite
16
2) Seite
28
3) Seite
9
4) Seite
153
5) Seite
155
6) Seite
44
7) Seite
146
8) Seite
35
9) Seite
141
10) Seite
133
11) Seite 43
Andere:
12) Arno Schmidt 1957
13) Mit den "Andern" sind die
Nationalsozialisten gemeint
8.
Literaturverzeichnis
• Sansibar
oder der letzte Grund Alfred
Andersch
Diogenes
• Alfred
Andersch, Eine Biographie Stephan
Reinhardt
Diogenes
• Alfred
Andersch, Sansibar oder der letzte
Grund
Erläuterungen, Kommentare und
Wertungen Reiner Poppe
Beyer
Verlag
Internet:
• Referatsthemen
des P.E.N.N. - Clubs
http://www.k.shuttle.de/whv/kaethekollwitz/deutsch/ref_the.htm
• Referate
Online - Der Dienst von Schülern für
Schüler
http://www.referate.de/index1.htm
• Arbeiten
von und für
Gymnasiasten
http://www.bboxbbs.ch/home/mrh/schule/