Christa Wolf:
“KASSANDRA”
Die Autorin:
Christa Wolf geboren am 18.3.1929 in Landsberg, schrieb diese
Erzählung, als sie durch einen Fehler der Fluggesellschaft im März
1980, ihr Flugzeug von Berlin nach Athen verpaßt. Sie übernachtet in
ihrer Berliner Wohnung, und beginnt die “Orestie” des Aischylos zu
lesen. Sie ist von der Figur der Kassandra so begeistert, daß sie beginnt
über sie zu schreiben. Diese Erzählung ist 1983 erschienen.
Abänderung vom trojan. Krieg:
Wolf übernimmt einen Großteil der Personen und Handlungen,
schreibt den Stoff aber auch um. Sie fügt neue Handlungsstränge und
Personen ein, läßt andere fort und verändert teilweise die
Personenkonstellationen.
So schildert sie in aller Ausführlichkeit die Beziehung zwischen
Aineias und Kassandra. In der Mythologie kommt eine Begegnung bzw. Beziehung
zwischen den beiden Personen nicht vor. Ihr anderer Zugriff auf das
Kriegsgeschehen wird v.a. deutlich, dass Achill, der Held Homers, bei ihr zum
Vieh, zum sadistischen Menschenschlächter wird. Agamemnon, der große
und berühmte Flottenführer der Griechen ist ein Schwächling ohne
Selbstbewußtsein. Der Trojanische Krieg wird nicht, dies ist wohl die
einschneidenste Änderung, um Helena geführt, sondern um Vorrecht und
Besitz.
Inhalt:
Kassandra, Tochter von Priamos und Hekabe wird von Apollon umworben und mit
der Sehergabe beschenkt. Als sie sich seiner Liebe verweigert, wird sie von ihm
gestraft, indem niemand ihren Weissagungen Glauben schenken wird. Zu ihrem Vater
hat sie eine liebevolle Beziehung, und sie ist des Vaters Liebling, da sie an
Politik interessiert ist. Kassandras erste Begegnung mit Aineias findet im
Rahmen der entwürdigenden Entjungferungszeremonie statt, der sich Kassandra
unterziehen muß. Aineias kommt und holt Kassandra aber er entjungfert sie
nicht. Sie wird später vom Pnthoos dem Griechen entjungfert, nachdem er sie
zur Priesterin geweiht hat. Immer wenn Panthoos zu ihr kommt, um mit ihr zu
schlafen, stellt sie sich vor, dass es Aineias ist. Anchises, der Vater von
Aineias, lehrt Kassandra die Geschichte vom ersten Schiff, und das Panthoos als
Beutestück mitgebracht worden ist. Zu der gleichen Zeit wird das zweite
Schiff ausgeschickt, und zwar mit Anchises und Kalchas dem Seher, um die vom
Spartaner Telamon entführte Hesione, des Priamos Schwester, nach Troia
zurückzuholen. Das Unternehmen scheitert doppelt, denn Hesione ist
inzwischen die Frau von Telamon, und Kalchas läuft zu den Griechen
über. Kassandra bricht zusammen, denn sie sieht den Untergang Troias, und
keiner glaubt ihr. Nach Wochen wird sie wieder gesund. Kurz darauf, verbunden
mit dem dritten Schiff taucht Paris auf, der sich als Kassandras Bruder
herausstellt. Kassandra erfährt von Arisbe (die Mutter von ihrem toten
Bruder Aisakos), dass Priamos damals Paris einem Hirten gegeben hatte, und dass
dieser ihn umbringen sollte, da er verflucht sei. Der Hirte brachte es aber
nicht übers Herz ihn umzubringen. Kassandra wird jetzt immer von zwei
Wächtern begleitet, und wenn sie ihren Vater sehen will, muß sie sich
melden lassen. Zu dieser Zeit kommt Menelaos, König von Sparta, der mit
Helena verheiratet ist nach Troia. Während des Mahls kommt es zu einer
Auseinandersetzung zwischen Menelaos und Paris, in der es um Helena geht. Noch
im Speisesaal bekommt Kassandra einen Anfall, und sie wird daraufhin von ihren
Geschwistern für wahnsinnig erklärt. Sie ist nicht wahnsinnig, aber
sie schützt sich mit dem Wahnsinn vor dem unerträglichen Schmerz, da
sie den Untergang Troias sieht. Menelaos verläßt Troia, und das
dritte Schiff fährt aus, an der Spitze Paris. Kassandra wird durch die
Pflege von Arisbe wieder gesund. Das dritte Schiff kommt jedoch ohne Paris
zurück, denn der hat Helena entführt, da man ihm die Rückgabe von
Hesione verweigerte, und ist mit ihr auf Umwegen nach Troia unterwegs. Nach
Monaten kommt er auf einem ägyptischen Schiff mit einer verschleierten
Person, die er als Helena vorgibt zurück. Kassandra merkt gleich das die
Person nicht Helena ist, aber ihrem Vater zu Liebe sagt sie nicht die Wahrheit.
Im Frühjahr beginnt dann der Krieg. Gleich am ersten Tag wird Kassandras
Bruder Troilos von Achill brutal getötet. Aineias hilft Kassandra über
den Tod ihres Bruders hinweg, und zwischen den beiden entwickelt sich eine
zärtliche und leidenschaftliche Liebe. In der Beziehung zu Aineias findet
Kassandra die lang vermißte Erfüllung ihrer Wünsche und
Sehnsüchte. Er kann aber nicht bei ihr bleiben, und geht am nächsten
Morgen. Kassandra bespricht immer wieder ihren Kummer mit Anchises.
Hektor, Kassandras Bruder wird zum Helden aufgebaut, und Polyxena,
Kassandras Schwester, beginnt ein Verhältnis mit Andron. Polyxena wird
schwanger, verliert jedoch ihr Kind. Daraufhin wird Hektor von Achill
getötet. Als Kassandra nach Polyxenas Zusammenbruch Aineias nicht mehr
empfangen kann, respektiert er dies. Kassandra schließt sich den Amazonen
an, deren Anführerin Penthesilea ist. Die Amazonen kämpfen auf der
Seite von Troia. Eines Tages tötet Achill Penthesilea, und Aineias holt
Kassandra und bringt sie in die Höhle von Arisbe in den Ida-Bergen. Jetzt
ist zwischen Kassandra und Aineias körperliche Liebe unmöglich, denn
sie läßt nur mehr Frauen an sich heran. Kassandra geht zurück
in den Palast, wo sie vom Plan des Paris hört: Sie wollen Polyxena als
Lockvogel verwenden, um Achill in den Tempel zu locken, und wo er
schließlich von Paris getötet werden soll. Da Kassandra gegen diesen
Plan ist, läßt ihr Vater sie einsperren. In dieser Zeit wird Achill
von Paris getötet. Nach ein paar Wochen wird Kassandra aus der Unterwelt
herausgeholt, und mit Polyxena, die inzwischen wahnsinnig ist, zu den
Höhlen gebracht. Im Sterben hatte Achill, Odysseus das Versprechen
abgenommen, Polyxena nach dem Sieg der Griechen auf seinem Grab zu opfern.
Kassandra muß dann Eurypilos heiraten, der aber gleich nach der ersten
Nacht mit ihr, in einem Kampf stirbt. Sie wird schwanger und ihm Frühling
bringt sie Zwillinge zur Welt. Ihr Bruder Paris stirbt, und eines Abends hat sie
auf der Mauer eine Unterhaltung mit Aineias. Aineias besteht darauf, dass
Kassandra mit ihm Troia verläßt, um ein neues Leben anzufangen.
Kassandra will nicht mit ihm gehen da sie davon ausgeht, dass die neuen Herren
allen, die überleben, ihr Gesetz diktieren. Diese neuen Gesetze würden
Aineias dazu zwingen, bald ein Held zu werden, und einen Helden kann sie nicht
lieben. Sie entscheidet sich für den Tod. Der Zusammenbruch kommt schnell,
denn die Troer holen gegen Kassandras Willen das Pferd in die Stadt hinein. In
der Nacht werden dann alle Troer niedergemetzelt. Polyxena wird auf dem Grab von
Achill geopfert, Kassandra von dem Kleinen Aias vergewaltigt und mit ihren
Zwillingen und Marpessa (ihre Dienerin) von Agamemnon gefangengenommen und nach
Mykene geführt. Dort wird sie von Klytaimnestra, Agamemnons Frau,
ermordet.
Form:
In einem inneren Monolog blickt Kassandra auf ihr Leben zurück.
Kassandra stellt zwischen Erzählerinnengegenwart und
Erzählerinnenvergangenheit, ohne eine chronologische Ordnung einzuhalten,
ihr Leben dar. Vermischt wird dies mit Reflexionen, Kommentaren, Gedanken,
Gefühlen und Dialogen. Die Sprache ist sehr poetisch. Durch den inneren
Monolog werden ihre Gefühle sehr klar beschrieben.
Meinung:
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, obwohl es anfangs schwer zu lesen
war. Die Entwicklung der Kassandra zu einer selbständigen Frau und die
Loslösung vom Königshaus und vor allem von ihrem Vater, sind sehr gut
und sehr einfühlsam dargestellt. Sehr einfühlsam ist auch die
Unterdrückung der Frau, und das Leben einer Außenseiterin
beschrieben. Man sieht auch das die Männer ichbezogene Kinder sind, und das
sie Angst vor Kassandra und vor allem vor körperlichen Schmerz Angst haben.
Agamemnon ist ein Beispiel für einen totalen Versager: Er hat nämlich
seine eigene Tochter (Iphigenie) auf dem Opferaltar der Göttin Artemis
schlachten lassen, nur weil Kalchas der Seher dieses Opfer von ihm verlangt hat.
Ich würde dieses Buch empfehlen, da es das erste Buch ist, wo die weibliche
Opferrolle in der kriegerischen Geschichte des Mannes so gut beschrieben wird.
Kassandra ist ein Beispiel dafür, dass Frauen in der männlichen
Geschichte als einer von Männern gemachten und geschriebenen
Geschichte keinen Platz finden.
Kassandra:
Sie ist die älteste und geliebteste Tochter des Priamos, politisch
interessierte Person, lebhaft, ist auf der Suche nach sich selbst, will nicht
wie Mutter und Schwestern das Haus hüten und heiraten – sie will
etwas lernen, einzigmögliche Beruf ist der der Seherin, sie wird für
ihr Wahrheitssagen für wahnsinnig erklärt - dann in den Turm geworfen
– von ihrem geliebten Vater, sie sieht die Zukunft weil sie den Mut hat
wirkliche Verhältnisse der Gegenwart zu sehen, sie setzt sich
Verdächtigungen,Verhöhnungen und Verfolgungen aus: Preis für ihre
Unabhängigkeit, sie lebt ihr Leben auch im Krieg
- Aineias wird zum Gründer von Rom (Romulus)