Spezialgebiet
BE
v.
Daniel
Makovich
Andy Warhol
- Andy Warhol und die Pop-art
- Die Anfänge von Andy Warhol
- Werbung als Kunst
- Ünglücksbilder: Death and Desaster
Serie
- Thirteen Most Wanted
Man
Andy Warhol und die
Pop-art
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
veränderten der wirtschaftliche Aufschwung und die Entwicklung der
elektronischen Medien das Habitat des Menschen: Die natürliche Umwelt wurde
mehr und mehr durch in Serie hergestellte Industrieprodukte und elektronisch
reproduzierbare Bilder verdrängt. Die Massenproduktion von Bildern
unterminierte die Einzigartigkeit des einzelnen Bildes und stellte die
Besonderheit der Kunst in Frage: Unendlich oft reproduziert, als Postkarte
für Schillingbeträge käuflich, mußte die «Mona
Lisa» zum erstenmal mit einer Schar anderer Frauen konkurrieren, die von
den Plakatwänden der Großstädte und aus den Seiten der
Zeitschriften lächelten. In der Flut von Bildern drohte die bildende Kunst
zu verschwinden.
So begann die Kunst in den fünfziger Jahren, die
Medien- Umwelt abzubilden und sich an den Objekten und Symbolen der
Konsumgesellschaft und der Massenkommunikation zu orientieren. Bunte Bilder,
Collagen und Montagen, die Gegenständen des Alltags Darstellungs- und
Ausstellungswert verliehen und eine neue, auf den Zeichen der Werbung Medienwelt
beruhende lkonographie begründeten, wurden als «pop» beschrieben
- ein Wort, das als Interjektion im britischen wie im amerikanischen Englisch
«klatsch» oder «patsch» bedeutet und daher geeignet war,
Knalliges zu bezeichnen. Der Begriff «Pop-art», der dem englischen
Kunstkritiker Lawrence Alloway zugeschrieben wird, steht für eine Kunst,
die der Banalität, ja Vulgarität der Konsumgesellschaft
ästhetisch Rechnung tragen wollte und gerade durch ihre bewußte
Bezugnahme auf die Alltagssphäre und das Tagesgeschehen einen
gesellschaftskritischen Charakter besaß.
Nirgends wurde die Popkunst so produktiv wie in den USA, wo
die Grenze zwischen Kunst und Trivialität ohnehin durchlässiger war.
«Objekt ist Tatsache, nicht Symbol», erklärte 1961 der
amerikanische avantgardistische Komponist John Cage, der die dadaistischen Ideen
von der Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Wirklichkeit weiterführte:
Indem er in seine Kompositionen alltägliche Geräusche einbezog,
ließ er das Leben in die Kunst eindringen und kombinierte erfundenes
Material mit gefundenem. Ähnlich verfuhr der Künstler Robert
Rauschenberg, als er in seinen «Combine paintings» dreidimensionale
Gegenstände auf die Oberfläche seiner abstrakt- expressionistisch
gemalten Bilder klebte; mit dicken Wachsbildern der amerikanischen Flagge
schockierte Jasper Johns nicht nur die Sehgewohnheiten des kunstbeflissenen
Publikums, sondern auch dessen nationalistische Gefühle. Diese
Künstler griffen auf das Konzept der «Ready-rnades» von Marcel
Duchamp zurück: Indem sie den Alltag zum Fundus und Stimulus der Kunst
erklärten, relativierten sie zugleich die Kategorien von Originalität,
Erfindungskraft und Schönheit und machten die Produkte der Wirtschaft und
der Medienindustrie kunstwürdig. «All is pretty» - «Alles
ist hübsch», entschied Richard Lindner und erklärte das New
Yorker Kaufhaus Macys zum neuen Louvre. Mit dem Satz «Pop Art is liking
things» - «Pop-art heißt,
Sachen zu mögen», definierte Andy Warhol die
Kunstrichtung, zu deren berühmtestem Vertreter er selbst werden
sollte.
Werbung, Cornic strip und die Massenmedien ebenso wie die
alltäglichen Industrieprodukte boten Sujets auch für Claes Oldenburg,
Roy Lichtenstein, Tom Wesselmann und James Rosenquist, die eine der Konsurnwelt
entnommene lkonographie zu einer neuen Ästhetik umformulierten: große
Formate, grelle Farben und Flächenkontraste bestimmten ihre Bilder. Die
Popkunst war gegenständliche Kunst, die in programmatischem Gegensatz zum
Abstrakten Exprossionismus eines Jackson Pollock oder Mark Rothko stand. Um eine
unverschlüsselte Aussage bemüht, verleugnete sie nicht ihr Gefallen an
den trivialen Industrie- und
Medienprodukten und füllte die Kunst mit der modernen
Lebenswirklichkeit. Nach Roy Lichtenstein war Popkunst «antikontemplativ,
antigeheimnisvoll», und Claes Oldenburg bekannte sich zu einer
einfachen
Kunst als vorgefertigter, ausgeglichener Mahlzeit. So
erklärt sich, daß «Pop» seit den sechziger Jahren auf das
Wort «populär» bezogen wurde:Popkunst war
«populär», nicht «elitär».
Einfache und billige Druckverfahren eröffneten den
Popkünstlern neue Verbreitungsmöglichkeiten: Als Offsetdrucke kosteten
ihre Bilder nicht viel mehr als ein gebundenes Buch. Die Popkunst profitierte
von
den modernen Vervielfältigungstechniken und
vergrößerte die Bilderflut. Vordergründig einfach, schön
bunt und erschwinglich wurden die Popbilder zu einem weiteren Konsumprodukt der
Überflußgesellschaft. Aber auch durch ihre Bezugnahme auf
frühere Kunstrichtungen und ihr ironisches Zitieren aus dem Repertoire der
Kunstgeschichte machte die Popkunst die Kunst populär.
Die Popbilder waren keine einfachen Abbilder: Ihr Realismus
bedeutet nicht das unkritische Nachahmen der Wirklichkeit, sondern die
Bloßlegung von gesellschaftlichen Verhaltensmustern und Gewohnheiten.
Die
überdimensionalen Hamburger-Skulpturern von Claes
Oldenburg oder die Bilder von Roy Lichtenstein, die mit ihrem genauen
Rastermuster wie Vergrößerungen von Comic strips aussehen
repräsentierten eine Gesellschaft, die «junk»,
«Schund», aß und «junk» las. Auf ihre Weise waren die
Popkünstler Visionäre: Nicht das real Existierende bildeten sie ab,
sondern ihre Abbildungen schufen Existenz. Den vertrauten Industrieprodukten
oder den Fotos der Massenmedien verliehen die Popbilder durch die puristische
Genauigkeit der Zeichnung und die plakative Farbigkeit eine besondere Kraft: Als
Kunstwerke, die kein Verfallsdatum mehr kannten, gewannen die Wegwerfprodukte
und kurzlebigen Medienbilder eine neue Realität. Die Popkunst wurde
geradezu zur Metapher der Konsum- und Mediengesellschaft und übernahm die
Rolle des Dandy, des distanzierten, amüsierten, toleranten und zugleich
bissig- ironischen Beobachters.
Diese Rolle spielte kein Künstler so konsequent wie
Andy Warhol. Als Werbekünstler zum Star der Kunstszene geworden, wurde er
zum Werbeträger seiner Kunst. Er errichtete eine Kunst- Werkstatt, eine
Factory eben, in der er die Bilder und lkonen der Konsumgesellschaft
serienmäßig reproduzierte, und die Produkte verkaufte er - wie im
Supermarkt -sowohl einzeln als auch billiger im Dutzend. In Warhols Factories
vollzog sich der Wandel von der Kunstszene zum Kunstmarkt, und sein Schaffen
bewegte sich von der Innovation avantgardistischer Popkunst hin zur Routine der
gefälligen Verkaufskunst. Aber seine Karriere steht auch für den
«American Dream», den «amerikanischen Traum» von Reichtum
und Berühmtheit. Warhols Lebensweg von der Armut seiner Jugend
in
Pittsburgh zum Glanz seiner New Yorker Factories und seine
künstlerische Entwicklung von den Zeichnungen seiner Studienzeit zu den
Autobildern seiner letzten Jahre sollen hier nacherzählt
werden.
Die Anfänge von Andy Wahrhol
Am 6. August 1928 wird er als Andrew Warhola in Pittsburgh
geboren. Er ist der jüngste von drei Söhnen. Die Eltern sind
Immigranten aus dem damals habsburgischen, heute slowakischen Grenzgebiet zur
Ukraine. Sie sind Mitglieder der ruthenischen Kirche (mit Rom unierte Katholiken
byzantinisch-slawischen Ritus). Der Vater, Ondrej, ist Berg- und Bauarbeiter,
die Mutter, Julia, geb. Zavacky, verrichtet Heimarbeit. Ondrej Warhola stirbt
1942.
Schon in der Schule fiel seine Zeichenbegabung auf, und das
Lehrerkollegium schickte ihn zu den kostenlosen Kunstkursen des Carnegie Museum
of Art, die jeden Samstagnachmittag stattfanden und ihn nicht nur in Zeichen und
Maltechniken einführten, sondern auch mit der Kunstgeschichte bekannt
machten. Aus dieser zeit stammt das erste Selbstportrait: 1942 zeichnete er sich
mit dicken Lippen, unförmiger , wulstiger nase und buschigen Augenbrauen,
Immer wieder machte er Kopfstudien, immer wieder von sich selbst. Ein Vergleich
späterer Porträts mit Henri Matisse zeigt, daß Andrew Warhola
von dem französischen maler die gekünstelte Kopfhaltung
übernommen hatte, vor allem aber die einfache und sparsame
Strichführung die er auch weiterhin beibehalten sollte.
Im Herbst 1945 schrieb sich Andrew am Pittsburger Carnegie
Institute of Technology als Student des Department of Painting and Design ein
und belegte „Pictural Design“ als Hauptfach. Die „Pittsburg-
Millionäre“, wie die Industriemagnaten Andrew Carnegie, H.C. Frick
und Andreas William Mellon genannt wurden, betätigten sich - amerikanischer
Tradition folgend - auch als Mäzene und Förderer des Bildungswesens,
indem sie der Stadt mehrere Kultur - und Forschungsinstitute
stifteten.
Die Stipendien des Carnegie Institute reichten zwar für
die Bezahlung der Studiengebühren aus, den Lebensunterhalt mußte sich
Andrew jedoch selbst verdienen.
Entwicklung eines technisch einfachen Monotypie
-Umkehrverfahrens „BIotted line“, das sein Markenzeichen als
Werbegraphiker werden wird. Dies ist eine monotypische Drucktechnik, die eine
vielfache Reproduktion erlaubt und durch eine leichte, teilweise unterbrochene,
gepunktete Umrißlinie (blotted line) gekennzeichnet ist. Dieses Verfahren
ist ebenso einfach nie bedeutungsvoll für Warhols künstlerische
Entwicklung. Eifach in der Ausführung, stellt es einen ersten Schritt auf
den Weg zur mechanischen Herstellung von Bildern dar, die Warhols Werk bestimmen
sollte: Auf wasserabweisendem Papier wird zunächst eine Bleistiftzeichnung
angelegt; deren Linien werden mit Tinte nachgezogen, und die feuchte Zeichnung
wird auf ein zweites Blatt gepreßt, das zwar das erste Druckblatt ist,
aber als Original gilt. Dieser Vorgang läßt sich beliebig oft
wiederhoelen, das Nachziehen des Bleistiftoriginals mit Tinte können auch
andere Personen besorgen. Diese Technik läßt sich variieren, indem
man zum Beispiel durchsichtiges Papier benutzt, um ein Foto nachzuzeichnen und
auf das Original zu übertragen. Das Offsetverfahren, das dann wesentlich
zur Verbreitung der Popkunst beigetragen hat, führt einen
Zwischenträger (Gummimatte) in den Druckvorgang ein , um die
spiegelbildliche Verkehrung rückgängig und Schriftteile wieder lesbar
zu machen. Die Technik der gepunkteten Linie erlaubte dem Studenten Warhola,
seine Pflichtzeichnungen mit einem Minimum an Zeit, Material und
Kreativität herzustellen. Die mehrfache Verwendung desselben Motivs mit nur
geringer Variation sollte sich bis zu den Serigraphien und Fotographien der New
Yorker Jahre halten.
1949 zieht er nach New York wo er seine ersten Aufträge
als Werbegraphiker, Buchillustrator und Schaufensterdekorateur
bekommt.
Andy Warhola amerikanisiert seinen Namen von Warhola zu
Warhol.
Julia Warhola zieht zu ihrem Sohn nach New York; sie wohnt
bis kurz vor ihrem Tod 1972 im Keller seines Hauses. Warhol schätzt ihre
antiquierte, teilweise fehlerhafte Handschrift und läßt sie oft die
Texte zu seinen Graphiken schreiben, meist auch die Signatur.
Erste Einzelausstellung mit Illustrationen zu Texten Truman
Capotes.
Die Zeichnungen nach Erzählungen und Romanen von Capote
zeigte Warhol 1952 in seiner ersten Ausstellung überhaupt in der Hugo
Gallery: Die fünfzehn Blätter , Illustrationen zu
„Miriam“, „Andere Stimmen, andere Räume“ und
„Die Grassharfe“ wurden von der New Yorker Kritik wenig beachtet und
gelten als verschollen. Capote selbst kam nicht zur Vernisage.
1957 gründet er die Andy Warhol Enterprises,
Inc. Warhol wurde zu einem der gefragtesten und bestbezahlten Graphiker
New Yorks, sein Werbebüro hatte Vertretungen in Philadelphia und
Chicago.
Werbung als Kunst
Für die Nobelschuhfirma I. Miller arbeitete in den
fünfziger Jahren ein Art-Direktor, Peter Palazzo, der einen neuen
unverwechselbaren Stil in die Werbung einzuführen bemüht war. Einmal
pro Woche sollte eine pro Woche sollte eine Anzeige mit einer Zeichnung von
Warhol in der „New York Times“ erscheinen. Sowohl die Zeichnungen,
die Schuhe aus verschiedenen Blickwinkeln auf hellem Hintergrund zeigten, als
auch das Format der Anzeigen waren oft ungewöhnlich. Die Zeichnung eines
einzelnen Schuhs füllte eine Doppelseite der Zeitung, es war kein
bloßes Abbild eines bestimmten Modells, sondern eine fast zeitlose
Stilisierung. Die Zeichnungen entsetzten die Verkaufsmanager, die um ihren
Umsatz fürchteten, denn Warhol hatte auf die realistische Darstellung des
Produkts verzichtet und damit die geltenden Regeln der Werbegraphik und die
Sehgewohnheiten des Kaufpublikums gleichermaßen verletzt. Da diese
Anzeigen jedoch die Aufmerksamkeit der Werbebranche erregten und das Publikum
sich vom Kaufen der Schuhe nicht abbringen ließ konnte die Firma die
Kampagne als Erfolg verbuchen.
Warhols künstlerische Idee ist es, nicht nur das
Triviale, Vulgäre, wie die Werbung, zur Kunst zu machen, sondern die Kunst
selbst trivial, vulgär werden zu lassen. Nicht nur Massenprodukte und
massenmediale Informationen werden in Kunst übertragen, sondern die Kunst
selbst wird konsequenterweise als massenhaftes Produkt hergestellt. Warhol kehrt
das Unterste zuoberst und umgekehrt: Die elitäre „hohe Kunst“
die Niederungen des Alltäglichen, während subkulturelle Phänomene
„hoffähig“ werden.
Warhol näherte die Kunst thematisch dem Alltag ,den
sozialen Gewohnheiten an. Doch für das Medienzeitalter der sechziger Jahre,
galt für Warhol : Das Alltägliche, Unbedeutende fordert die Kunst
heraus.
Death- and Disaster Serie
Schmutz und Dreck sind für Warhol ein tiefer, immer
wiederkehrender Aspekt seiner künstlerischen Erfahrung. Er reicht vom
Schmutz seiner sozialen Herkunft, des Bergarbeitermilieus der Industriestadt
Pittsburgh, bis schließlich zur gestalterischen »Verschmutzung«
perfekt angelegter, aber doch trivialer Vorlagen.
Dieses Prinzip sollte ein wesentliches Konzept seiner
Bildgestaltung bleiben. Die schmutzigen Schwarzraster seiner
Siebdruckübertragungen von Crash, Electric Chair, Thirteen Most Wanted Men
zielen sowohl auf das Problem der Vervielfältigung und Vermassung, aber
eindeutig auch auf die Verschmutz und Verunreinigung perfektionistisch
angelegter, massenmedialer Vorbilder, um eine Konfrontation mit dem
Gewohnheitsbild zu bewirken.
Der persönliche, der umweltbedingte, der
gesellschaftliche und politische Schmutz trankt in den Siebdrucken auf Leinwand
das euphorische Bild des Fortschritts, das die Star- und Warenimages suggerieren
wollen. Warhol zeigt die menschliche Tragödie unter der Maske der
Hollywood- und der politischen Stars wie Marilyn Monroe und John F. Kennedy. Der
»Abschaum« der kriminellen Szene, die Morde, der Tod des einzelnen als
Symptome der Massengesellschaft werden die bei Warhol im Laufe der sechziger
Jahre immer stärker zum Thema. Seine Bilder verdeutlichen, daß die
Tragödie, sofern sie von den sensationslüsternen Medien aufgegriffen
wird, jeden Menschen »einmal im Leben 15 Minuten berühmt« macht
daß aber sein persönliches Schicksal sofort wieder vergessen wird.
Das Leben geht in der Banalisierung der immer gleichen Hollywood -Klischees
unter. Berühmtheit als Qualität, zum Beispiel eines tragischen
Ereignisses, ist außergewöhnlich, aber dennoch von dieser
Zivilisation alltäglich erwartet.
Warhol selbst
wurde mit krimineller Aggressivität konfrontiert, als 1968 Valerie Solanis,
Gründerin und einziges Mitglied der S. C. U. M. (= Gesellschaft zur
Vernichtung der Männer), ihn in seiner Factory
niederschoß.
In Texten und Statements hat Andy Warhol immer wieder auf
die Zusammenhänge von gesellschaftlichem und persönlichem Schicksal in
seinen Arbeiten hingewiesen. »Henry (Geldzahler) war es, der mir den
Anstoß zur Death-and-Disaster-Serie gab. Wir aßen einmal im Sommer
im Serendipity in der East-60th-Street,
und er legte die Daily News auf den Tisch. Die
Überschrift lautete:»129 DIE IN JET«. Und das hat mich auf die
Todesserie gebracht - die Car Crashes, die Desaster, die Electric Chairs...
Immer wenn ich an diese Titelseite zurückdenke, bin ich wieder vom Datum
betroffen - 4. Juni 1962. Auf den Tag genau sechs Jahre später war mein
eigenes Desaster die Schlagzeile :»KUNSTLER
ANGESCHOSSEN<<.
»Did Leak kill ... Mrs. McCarthy and Mrs. Brown?«
In der Zeitungsnotiz wird das Bild des anonymen »Mörders« - das
ist die Dose als handschriftlich numeriertes Beweisstück - mit den
Porträts der beiden glücklich lächelnden Opfer verbunden. Diese
Vorlage inspirierte Warhol zu verschiedenen Fassungen des Tunafish Disasters(,
das 1963 gegenläufig zur Campbell-Dosen-Euphorie konzipiert wurde. Warhol
zeigt die klischierten Wunschbilder des Fortschritts und die katastrophalen
Bilder der Massengesellschaft nicht als Widerspruch, sondern in
zwangsläufiger, gegenseitiger Bedingtheit - und frei von
interpretatorischen Zusätzen. In die saloppe Art, in der er über diese
Zusammenhänge sprach, und in die scheinbar gleichgültige,
willkürliche Herstellungsweise der Bilder und in die Typisierung seiner
eigenen äußeren Erscheinung mischt sich Warhols intellektuelle
Klarheit, Zeitphänomene, künstlerische Aspekte und seine eigene
Künstler -Persönlichkeit zu durchdringen. Diese analytische,
diagnostische Fähigkeit zeigt sich bereits in den politisch und sozial
bevorzugten Zeichnungen von 1945 bis 1949 und in der Auseinandersetzung mit
Bertold Brecht während der Jahre 1953 bis 1955, als er bei einem
Theaterensemble als Bühnenarbeiter arbeitete. Gerne kompensierte er
sozialen Pessimismus durch eine Glamour -Inszenierung seiner Person, zum
Beispiel, indem er sich die Haare silbern färbte. Gold und Silber sind
Lieblingsfarben Warhols, man denke an das Golden Book, die Golden Shoes, bereits
in den fünfziger Jahren, an die Kissen- und Ballonaktion (1966), vor allem
an die aggressiven Themen in Silber, den silbernen Car-Crash und Electric Chair
und die Elvis-Fassungen in Silber, an die GoldMarilyn (1962) und an die 1964 am
New York State PavilIon mit Silber überstrichenen Thirteen Most Wanted
Men.
Thirteen Most Wanted Man
1964 erhalten John Chamberlein, Robert Indiana, Roy
Lichtenstein, Robert Rauschenberg und Andy Warhol Aufträge für
Arbeiten am New York State Pavillon, den Architekt Philip Johnsohn für die
Weltaustellung entwarf. Für Warhol war es die einzige öffentliche
Auftragsarbeit dieser Größenordnung. Es war eine einzigartige
Situation, die sich ihm als Künstler inmitten der politischen Arbeit am
Fortschritt Amerikas bot. Im Gegensatz zu seien New Yorker Kollegen setzte
Warhol die brisante Realität des gesellschaftlichen Alltags an diese
Stelle. Er stellte Siebdruckserien der Thirteen Most Wanted Men nach
älteren Steckbriefen des FBI her, auf denen gesuchte Kriminelle in Frontal-
und Profilansicht abgelichtet waren. Die 25 Tafeln - drei unbedruckte
vervollständigten den 36 m² großen Block - brachte er an der
Außenwand des Pavillons an.
Gouverneur Nelson Aldrich Rockefeller hatte die Entfernung
der Thirteen Moost Wanted Men vom New York State Pavillon der
Weltausstellung sofort nach ihrer Anbringung angeordnet. Wahrol zeigt
Rockefeller in einem Portrait - Auftragswerk von 1967 als Prototyp eines
Politikiers, der seinen Machteifluß durch die Medien ausübt. Die
Tafeln wurden mit der Begründung abgehängt, daß die hier
abgebildeten Mafiosi schon vor Gericht gestanden hätten und zum Teil
freigesprochen wären. „In gewisser Weise war ich froh, daß das
Wandbild weg war: Nun müßte ich mich nicht schuldig fühlen, wenn
einer der Verbrecher gefaßt und dem FBI übergeben worden wäre,
nur weil ihn irgend jemand auf meinem Wandbild erkannt hätte.“ So
reagierte Warhol viele Jahre später auf die für ihn typische,
alltägliche Erfahrungsebene - und doch wohl mit leicht zynischem Unterton.
An der Stelle der Thirteen Most Wanted Men wollte er dann das Konterfei
des Chefs der Weltausstellung, Robert Moses, setzen. Sein Porträt entstand
im selben Jahr als Auftragswerk im genau gleichen Format. Die Thirteen Most
Wanted Men wurden jedoch von Warhol an Ort und Stelle mit Silber
übermalt, hingegen so ca. Vier Wochen, bis sie dann in ein Lagerhaus kamen
und später vernichtet wurden.