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Referat

TitelAleviten 
Anzahl Worte12747 
SpracheDeutsch 
ArtFachbereichsarbeit 
SchlagworteAlevismus, Religion, Experimente, Kleidung, Rituale, 
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Auszug aus dem Referat (ohne Grafiken)

Aleviten
Aleviten fallen in unserer modernen Gesellschaft nicht auf, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Sie tragen keine spezielle Kleidung oder Kopfbedeckung, die auf ihre Kultur oder Religion hinweist.
Aleviten bekennen sich zu Humanität und Demokratie, deshalb kommt ihnen unsere Staatsform entgegen. Scharia, das islamische Gesetz, lehnen Aleviten ab. Das ist der wichtigste Unterschied zu den Sunniten. Aleviten kennen keine Pflichtgebete. Aleviten brauchen zum Beten keinen besonderen Raum und keine spezielle Zeit. Jede Alevitin und jeder Alevit betet dann und dort, wo er oder sie will auf eine Art, wie es ihm oder ihr entspricht. Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen.
Mann und Frau sind gleichberechtigt. Zu anderen Religionen, Glaubensbekenntnissen und Ideologien haben Aleviten ein sehr offenes Verhältnis. Auf eine undogmatische Weise fühlen sie sich der Humanität verpflichtet. Die Menschenrechte im ganzen sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit im speziellen werden von ihnen ausdrücklich bejaht. Jedem Menschen wird ausdrücklich das Recht auf einen eigenen Glauben zugestanden.
Über die Anzahl der Aleviten gibt es nur Schätzungen. In ihrer Heimat, der Türkei, werden sie nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt, sondern den Sunniten zugeschlagen, deshalb sind keine offiziellen Zahlen erhältlich. Aleviten nehmen an, dass etwa 20 Millionen zu ihrer Gemeinschaft gehören.
Die Aleviten haben ein ganz anderes Gottesverständnis als Muslime, Christen und Juden. Mit der Aussage, Gott ist der Schöpfer, Erhalter und Vernichter des Universums und allem, was darin ist, ist die Gemeinsamkeit praktisch erschöpft. Gott entwickelt sich in mehreren Stufen. Die sichtbare Gestalt Gottes ist die Natur und damit auch der Mensch. Jeder Mensch ist eine Manifestation Gottes, auch der Schurke und der Gottlose; allerdings sind diese missglückte Experimente Gottes. Jeder muss selber zur Erkenntnis von Gott und Natur kommen. Jedem Menschen wird das freie Selbstbestimmungsrecht zugestanden. Er kann beliebige Rituale pflegen oder darf sogar Atheist sein, sofern er seine eigenen Ansichten nicht anderen aufzwingen will. Die sozialen Normen wie das Verbot des Tötens, Diebstahl, Verleumdung und Ehebruch gelten für Aleviten gegenüber allen Menschen. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist für Aleviten nebensächlich. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist wichtig.
Aleviten sind in der Türkei eine respektable Minderheit von mindestens 15% der türkischen Bevölkerung. Sie werden unterdrückt und hatten im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder Verfolgungen zu erdulden. Nur so ist es zu erklären, dass bis in die jüngste Vergangenheit auch im Ausland sehr viele ihre Glaubenszugehörigkeit nicht bekanntgaben.

Alevismus im Leben
Cem bedeutet Kreis, Ring und ist eine religiöse und soziale Versammlung, die mindestens einmal jährlich abgehalten wird. Ein Cem besteht aus verschiedenen Teilen und deckt wichtige Aspekte des religiösen und sozialen Lebens ab. Gericht und Versöhnung, Belehrung und Spiritualität beinhaltet diese Versammlung, die wahrscheinlich auf uralte Formen zurückgeht. Ansprachen und Unterweisungen von Dedes und von Laien, Gebete und Segnungen folgen sich im Ablauf, der mehrere Stunden dauert. Semah, der kultische Tanz zu den Klängen der Saz, ist ein weiterer wichtiger Faktor. Jede Person bringt nach Möglichkeit etwas Essbares mit. Das gestiftete Essen wird am Schluss der Zusammenkunft an alle Anwesenden verteilt. Ein wichtiger Unterschied zu einem sunnitischen Gebet darf nicht ausser acht gelassen werden: die Sprache. Im Cem wird ausschliesslich Türkisch verwendet. Beim Cem kommt die Saz zum Einsatz. Die Saz ist ein traditionelles Instrument, das an eine Laute erinnert und in der Türkei und in den umliegenden Ländern weit verbreitet ist. Die Saz ist ein Bestandteil der Kultur und wird von vielen Menschen gespielt. Alevismus ohne Saz ist schwer vorstellbar; Cem ohne Saz ist sogar praktisch undenkbar. Deshalb werden möglichst viele Aleviten im Spiel der Saz angeleitet.
Die Cem haben im Leben der alevitischen Vereine eine sehr wichtige Funktion, sie stehen aber nicht im Mittelpunkt. In der Diaspora gehört der Unterricht zu einem wesentlichen Bestandteil vieler alevitischer Vereine. So werden immer Semah- und Musikkurse angeboten. Daneben wird Sprach- und Computerunterricht erteilt. Es gibt auch Kurse, die sich ausdrücklich an Frauen richten wie zum Beispiel Alphabetisierungs- und Deutschkurse. Die alevitischen Vereinslokale sind deshalb auch keine Gottesdiensträume sondern Vereinslokale, wie sie auch bei rein weltlichen Vereinen anzutreffen sind.
Aleviten

20 Prozent der Türken in Deutschland sind Aleviten. Sie gelten in allen westlichen Ländern unter den Arbeitern als überrepräsentiert. Alevi bedeutet "Anhänger Alis". Sie unterscheiden sich von anderen Muslimen durch die Ablehnung des rituellen Gebetes, des rituellen Almosengebens und der Pilgerfahrt nach Mekka. Stattdessen wird die Wallfahrt zu den Gräbern Alis und Husseins in Kerbela bevorzugt.

Sie halten das Fasten im Monat Ramadan nicht, sondern ein zehn- bis zwölftägiges Fasten im Monat Muharram, in dem Alis Sohn Hussein niedergemetzelt wurde. An religiösen Zeremonien nehmen außer den Männern auch die Frauen und Kinder teil, die Feiern finden nachts statt, Alkohol, Tanz und Musik sind erlaubt. Die Frauen sind nicht verschleiert, sie haben dieselben Rechte und Pflichten wie die Männer. Während sich die Aleviten als besonders gute Muslime verstehen, gilt ihre Religion anderen als "anatolische" oder Religion der Turkvölker mit schamanistischen Elementen, für die der Islam "der Mantel" sei, in den sie gehüllt wurde.

Die Aleviten befürworten den säkularen Staat, Toleranz und Humanität stehen im Mittelpunkt ihres Denkens. In der Türkei gibt es Versuche, die Aleviten zwangsweise zu Sunniten zu machen. In ihren Dörfern werden Moscheen gebaut, blutige Unruhen hat es zuletzt 1995 in Istanbul gegeben. Auch hier in Deutschland sind gelegentlich Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Aleviten bekannt geworden. Auch hier gibt es Versuche der "Zwangssunnitisierung".

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vom 18. 6. 1996 hat berichtet, daß in Mannheim eines der größten alevitischen Zentren in Europa errichtet wurde. Ein christlicher Verlag hat 1988 ein Buch über Glauben und Zeremonien der Aleviten veröffentlicht: M. E. Bozkurt, Das Gebot - Mystischer Weg mit einem Freund, E. B. Verlag - Rissen, Hamburg 1988. Ursula Spuler-Stegemann fragt in ihrer jüngsten Veröffentlichung "Muslime in Deutschland" (vgl. MD 1998, S. 220 ff) kritisch, warum die Aleviten im christlich-muslimischen Dialog keine Rolle spielen, obwohl sie zahlenmäßig stark unter uns vertreten sind. Gerade mit ihnen ergebe sich geradezu die Verpflichtung zum Dialog. Bozkurts Buch aus dem Jahr 1988 scheint folgenlos geblieben zu sein.

Aleviten tauchen manchmal bei den Weltanschauungsbeauftragten auf, wenn ein Familienmitglied in eine Sekte geraten ist. Vorzugsweise die Zeugen Jehovas können unter ihnen Missionserfolge verzeichnen. Es ist nötig, daß sich Kontakte zu christlichen Gemeinden, Gespräche und menschliches Miteinander ergeben. Hier ist ferner das Eintreten der Kirchen sowohl für Religionsfreiheit als auch für den Frieden gefordert.


1.1 Bevölkerungsstärke und regionale Verbreitung

Über Ursprung und Verbreitungsgrad des Alevitentums existieren noch heute unzählige Spekulationen. Je nach Interessenlage wird die Geschichte gekittet, mal um zu mystifizieren, zu politisieren oder schlicht zu stigmatisieren. Ein Teil alevitischer Autorenschaft lokalisiert den Beginn weit vor der islamischen Zeitrechnung, weil sich beispielsweise schamanistische manichäische oder zoroastrische Elemente nachweisen lassen, die mit dem Islam nicht in Einklang zu bringen oder beispielsweise dem Christen- oder Judentum eigen sind.

In seinen Ursprüngen ist das Alevilik (bzw. der „Zwölferschiia-Kult“) eine seit Mohammeds Tod gelebte, tradierte, aber auch verfemte Sonderform des schiitischen Islam. In der Literatur wird es vielerorts als Synkretismus bezeichnet und läßt sich modifiziert auf dem Balkan, in Nordafrika und Asien vorfinden, so in den Ländern des Maschrek, verstreut auch im Maghreb, auf der arabischen Halbinsel genauso wie in Persien, Irak und dem Mittleren und Fernen Osten. Aufgrund dieser regionalen Diversifikation wird im weiteren Verlauf insbesondere das anatolische Alevilik behandelt. Dies ist kein Willkürakt, trägt vielmehr der Tatsache Rechnung, daß dieser den Turkvölkern eigene Schiismus auf anatolischem Boden gedieh und sich ausbreitete.

In der Türkei lassen offizielle Verlautbarungen kaum etwas erahnen über die Mannigfaltigkeit religiöser Orientierung. Der Kurdenkonflikt ist zwar in aller Munde, auch Dissonanzen mit dem griechischen Nachbarn geben sporadisch Anlaß für diplomatische Verquickungen. Die vermeintlich konfessionelle Homogenität hingegen entspricht ganz dem westlichen Klischee eines muslimischen Staates mit teils europäischem Flair.

Laut Munzinger-Archiv zählte das Land im Jahre 1994 60,77 Millionen Einwohner. Die Bevölkerungsstatistik weist neben diversen Minoritäten (Araber, Armenier, Georgier, Lasen, Griechen und Juden) 70% Türken und 20% Kurden auf. Aleviten werden zunächst als Minderheit, in der Sparte „Religion und Volksbildung“ dann gesondert als Anhänger einer Konfession schiitischen Glaubenszweigs ohne geschlossenes Siedlungsgebiet mit einem Anteil von etwa 10% an der Gesamtpopulation klassifiziert. Schätzungen der gängigen Literatur weichen allerdings immens voneinander ab, manche Quellen gehen von einem Fünftel Bevölkerungsanteil aus, andere wiederum von unter 40%. Die internationale Öffentlichkeit nahm von ihnen erstmals mit den Massakern in alevitisch dominierten Emigrantenvierteln Istanbuls im März 1995 Kenntnis als eine im sozio-religiösen Gefüge gewichtige muslimische Minderheit.

Fest steht hingegen, daß die Aleviten nach den Sunniten die zahlenmäßig größte Glaubensgemeinschaft in der Türkei bilden. Mehrheitlich sind sie türkischer Herkunft, zugleich gibt es eine bedeutende Zahl kurdischer Alevi. Der kurdische Dialekt „Kurmanci“ wird von einer kleinen Minderheit gesprochen, in der Provinz Tunceli und angrenzenden Regionen sprechen etwa 20% „Zazaki“. Initiations- und Kultsprache der Gemeinschaft ist ausschließlich türkisch.
Hauptsiedlungsgebiete der Aleviten sind Zentral- und Ostanatolien, insbesondere im Dreieck Kayseri - Sivas - Divrigi. Durchweg sind es Rückzugsgebiete (bedingt durch jahrhunderte-lange Verfolgung) und Regionen, die von der industriellen Entwicklung vernachlässigt wurden. Aleviten sind deshalb unter den türkischen Arbeitskräften in Europa überproportional vertreten, weil sie sich verhältnismäßig früh anwerben ließen. In der restlichen Türkei leben sie verstreut, sowohl am Mittelmeer und an der ägäischen Küste (Tahtaci), als auch am Schwarzen Meer, Mittel- und der Westtürkei (Çepni, Nalci) lassen sich alevitische Gemeinden ausfindig machen.
1.2 Ursprünge des „Alevilik“

Etymologisch ist „alevi“ vom arabischen „alawi“ abgeleitet und umschreibt zum einen die unmittelbaren Nachkommen von Ali, zum anderen auch jene Gläubigen, die seit jeher insistieren, allein dem 4.Kalifen Ali stünde rechtmäßig das Kalifat – die Nachfolge des Propheten – zu, weil er im Gegensatz zu den ihm vorausgegangenen drei Kalifen Mitglied des Ehlibeyt (Leute des Hauses) gewesen ist. Ehlibeyt meint die unmittelbaren Blutsverwandten des Propheten Mohammed, als da wären sein Cousin Ali, seine Tochter Fatma (zugleich Ehefrau Alis) und die beiden Enkelkinder Hasan und Hüseyin. Diesen bringen Schiiten und Aleviten dem Prinzip des „teberra“ (Liebe und Achtung gegenüber dem Ehlibeyt) folgend allerhöchste Achtung entgegen, während „tebella“ das Gegenteil bezweckt, nämlich die Loslösung von den Feinden des Hauses.
1.2.1 Der Urzwist in der Islamwelt

Die Tragödie läßt sich auf den Tag genau lokalisieren: Mohammeds Ableben kommt für die junge Islamgemeinde einem Schock gleich. Nichtsdestotrotz möchte man die Nachfolge nicht vernachlässigen, schließlich ist der Missionierungs- und Expansionsdrang immens. Der einstige Führungskader um Mohammed einigt sich alsbald auf Ebu Bekir, was bei Ali und seiner Gefolgschaft auf massiven Protest stößt, da sie den Standpunkt vertreten, daß der Prophet seinen Cousin zweifelsohne an seinem Platz gesehen hätte. Da die Gegenseite anderer Ansicht ist, müssen etliche Fehden ausgetragen werden, ehe Ali den Thron besteigt, allerdings nur für kurze Zeit, denn beim Verrichten des Gebets wird er in heiligen Gemäuern hinterrücks erstochen. Ähnlich auch das Schicksal seiner Söhne Hasan und Hüseyin und weiterer acht männlicher Nachkommen; der zwölfte schließlich, namentlich „Mehdi“ (auch: Mahdi), verschwindet von der Erdoberfläche und befriedigt seither chiliastische Hoffnungen sowohl der Schiiten als auch Aleviten.

Ein weiteres spalterisches Ereignis ist die Schlacht in Kerbela am 10.Oktober 680 (10.Muharram 61). Alis Sohn Hüseyin zieht auf Einladung der Stadtoberen mitsamt seiner Gefolgschaft nach Kufa, um seinen Platz als Kalif einzunehmen. Der amtierende Kalif Yazid muß um seine Position fürchten und fängt die Karawane bei Kerbela, eine im Südwesten Bagdads liegende Stadt des heutigen Irak, ab. Nach einem 40 Tage währenden Martyrium ohne Nahrung und Wasser für die Opponenten ist es leichtes Spiel für Yazids Regierungstruppen, die an der Zahl etwa siebzig Hüseyin-Anhänger zu ermorden. Diese Schlacht kommt bis heute sowohl in der Schiiten-, als auch Alevitenwelt einem Trauma gleich. Die Greueltat wird als neue Epoche für die Schiia gedeutet, weil sie den Anhängern Alis weit mehr gegolten habe als die Ermordung des Vaters, da „er ja nicht der Sohn der Tochter des Propheten war. Es gibt Ereignisse, die nicht durch sich selbst und ihre notwendigen Folgen, sondern durch die Erinnerung in den Herzen der Menschen eine ungeheure Wirkung ausüben“.

Gedacht wird der Ermordeten mit der Fastenzeit, bei Schiiten und Aleviten –im Gegensatz zum 30Tage dauernden sunnitischen Fastenmonat Ramadan– von 12 Tage Dauer, wobei die Zahl 12 die Imame quantitativ erfaßt. Zugleich wird in dieser Zeit kein Wasser getrunken, Nahrung wird auf das Nötigste reduziert, Körperpflege unterbleibt gänzlich.

Der Zwist ist von einer Banalität gekennzeichnet, die in keiner Relation zu den Opfern steht. Mohammed vernachlässigt zu Lebzeiten einen Nachfolger zu bestimmen und ebnet damit den Weg zu den wildesten Spekulationen. Schiiten und Aleviten wollen heute wissen, daß er sich mehrmals im Beisein anderer für Ali ausgesprochen habe, Sunniten hingegen sind der Meinung, daß im Islam das Mehrheitsprinzip Geltung habe und Ali nicht der bevorzugte Kandidat der Gemeinde gewesen sei.



1.2.2 Differenzen

Die islamische Theologie kennt insgesamt fünf Rechtsschulen, sogenannte „mezhep“, obgleich die sunnitische Orthodoxie dem einzigen schiitischen „Caferiya“-mezhep (auch: Imamiye) die Anerkennung verweigert. Die übrigen Paradigmen sind dem sunnitischen Strang zuzuordnen, wobei in der Türkei lediglich zweien Bedeutung zukommt: Während der türkische Bevölkerungsteil zumeist „hanefitisch“ ist, sind Kurden und Araber überwiegend „schafiitisch“. Das Alevitentum wird aufgrund seiner historischen Nähe zum Schiismus als anatolische Variante des Caferiya-mezhep angesehen, daneben gibt es die in der arabischen Welt dominanten mezheps „meliki“ und „hanbeli“. Sie alle resultieren aus der unterschiedlichen Auslegung des Koran und den prophetischen Hadithen, benannt sind sie nach ihren Gründern; so auch die Caferiya, die auf den sechsten Imam Cafer-i Sadik (702-765) zurückgeht.

Das Alevitentum wird häufig der Schiia zugeordnet, weil sie die Verehrung der Zwölferschiia verbindet, aber auch die im folgenden zu erläuternde Nähe zum Orden der Safaviden. Für diese Arbeit sind jedoch weniger die Rechtsschulen von Interesse, sondern die Ursachen der wechselseitigen Antipathie beider Glaubensrichtungen in der Türkei.

Der sunnitischen Orthodoxie ist die Weigerung der Aleviten, die fünf Grundpfeiler des Islam bedingungslos anzuerkennen, stets ein Dorn im Auge gewesen. Allein das Glaubens-bekenntnis wird von ihnen befolgt, Moscheen besuchen sie nicht, weder kommen sie der obligatorischen Pilgerfahrt nach Mekka nach, noch entrichten sie die Almosensteuer in der vorgeschriebenen Form. Dem Ramadan-Fasten und fünfmaligen Beten am Tag kommt in der Glaubenswelt der Aleviten keinerlei Bedeutung zu.

Dies sind für die sunnitische Orthodoxie Beweise für eine Häresie, durch welche sich die Alevi selbst aus dem Bereich der Rechtsgläubigen verabschiedet hätten. Die von der Sunna vorgeschriebenen rituellen Waschungen, vor allem nach dem Beischlaf, sind Indiz für Unreinheit, von ihnen geschlachtete Tiere dürften aus diesem Grunde nicht verzehrt werden. Weiterhin ist die vergleichsweise emanzipatorische Gemeinschaftsordnung in der Wahrnehmung der Sunniten unmoralisch, da Frauen und Männer sich im Alltag unge-zwungener begegnen, gemeinsam Feierlichkeiten begehen oder religiöse Zeremonien (ayin-i cem bzw. cem ayini) nicht nach Geschlechtern trennen.

Diese Zusammenkünfte waren laut Bumke Anknüpfungspunkte für allerlei „projektive Phantasien, die auch im zwanghaften Spiel der Imagination europäischer Reisender (und derer, die sie exzerpierten) fortleben, und die besagen, sie kennen weder Mutter noch Schwester, d.h. sie würden sich während ihrer nächtlichen Feiern im biblischen Sinn erkennen“. Inzestvorwürfe sind bisweilen weit verbreitet, der Autor nennt zwar keine Quellen, von dem Ethnologen Luschan liegt allerdings ein Vortrag aus dem Jahre 1886 vor, der nahelegt, daß diese Vorurteile auch in Europa Verbreitung fanden. Er bezieht sich auf die „Tachtadschy’s“, heute bekannt als Tahtaci, der Begriff „Alevi“ taucht aber auch in seinen Erläuterungen auf. In seinem Bericht schreibt er, daß sie sich den Türken äußerlich anschließen, „thun auch, wenn es sich gerade trifft, desgleichen, als ob sie im Ramasan fasten würden, aber sie trinken Wein, essen Schweinefleisch und beten auch nicht, wenigstens nicht für die fünf rituellen Gebete der Türken.“ Zu den vermeintlich inzestiösen Zusammen-künften äußert er sich wie folgt: “Ebenso, wie von den Kysilpasch in den kurdischen Gegenden des östlichen Kleinasiens und den Fellach’s und Ansarieh’s zwischen Mersine und Antiochia, erzählen die Türken auch von unseren Tahtadschy’s, dass sie einmal im Jahre sich zu obscönen Mysterien vereinigen und das Brüder ihre Schwestern heirathen; beides dürfte wohl böswillige Nachrede sein, so constant und allgemein es auch erzählt und geglaubt wird.“ Seine Einschätzung ist entsprechend gegenteilig: „Die Weiber gehen unverschleiert, sind aber durchaus anständig, wenigstens den Fremden gegenüber.“

Brandenburg führt in seinen Aufzeichnungen 1905 aus: „Sie sind von den Türken verachtet, und habe ich manchmal gehört „ausschweifend wie ein Kysylbasch“, was wohl auf ihren angeblichen Geheimkult anspielt. Grössere Gebäude, d.h. Moscheen, in Kumbet sogar mit Minaret existieren in den Dörfern, meist jedoch in erbärmlich verfallenem Zustande. In Ueludja hatte in der dortigen „djami“ (Cami, türkisch für Moschee; Anm. des Verf.) eine Hündin ihr Wochenbett aufgeschlagen, ein bei Mohammedanern undenkbarer Vorfall. Die einzig wirklich gut gebaute und innen mit Teppich ausgelegte Djami sah ich in Kumbet. Als ich die Alten fragte, wozu sie sie denn brauchten, da kein Hodja (Hoca, türkisch für Vorbeter; Anm. des Verf.) da sei und sie ja auch nicht beteten, schwiegen sie verlegen, nur ein junger Mann platzte raus „bisim kawehane“ (abschätzig für: „unsere Teestube“; Anm. des Verf.), was ihm ein ärgerliches „suss, hadi git“ (schweige und entferne Dich, verschwinde; Anm. des Verf.) eintrug.“

In den meisten alevitischen Siedlungen gibt es keine Moscheen, obgleich im Anschluß an die sogenannte „türkisch-islamische Synthese“ flächendeckend Gebetsstätten erbaut wurden. Von den Alevi wurden diese Bestreben als Sunnitisierungs-Kampagne perzipiert; im alevitischen Manifest von 1990, das weiter unten thematisiert wird (Kap. 6.2.2), fordern die Unterzeichner unter anderem auch den unverzüglichen Stop weiterer Moscheebauten.

Aber auch auf alevitischer Seite existieren zahllose Vorurteile gegenüber Sunniten. Sie werden verächtlich als „Yezit“ bezeichnet, was sich hinter dem Vorwurf verbirgt, dürfte den meisten nicht bekannt sein. Ihre fromme Lebensweise ist vielen zuwider, dahinter verberge sich mehr Schein als Sein. Gebet, Fastenzeit und Pilgerfahrt könnten niemandes Herz sauber halten, sich selbst habe der Mensch zu erkennen, Vernunft müsse er walten lassen, nicht apodiktische Rezeption orthodoxer Dogmen. Die Frau sei seit jeher unterdrückt, die sunnitische Vielweiberei entbehre sie fundamentaler Rechte, ausschließlich parieren könne sie in dem von der Orthodoxie diktierten Seriat-System. Sie forderten überdies einen theokratischen Staat, der dem Laizismusverständnis der Aleviten widerspreche.

1.3 Der osmanisch-safavidische Konflikt und seine Folgewirkungen auf das heutige Alevilik

Der heutige Forschungsstand geht von zweierlei Motivatoren aus, die das Alevitentum bedingt haben: Die mystische Dimension des Islam auf der einen und der safavidisch-osmanische Konflikt auf der anderen Seite. Letzterer ist gleichsam in der persisch-arabischen Rivalität nachzuweisen. Während die Araber sich zeitlebens als gottbegnadete Hüter des Islam begriffen, kam den Persern stets eine Außenseiterrolle zu. Damit erklärt sich zugleich die persische Präferenz der Schiia, der Partei Alis. Wir wollen uns diese Phase osmanischer Konsolidierung und safavidischer Expansionsdurst näher ansehen.

1.3.1 Der Sufi-Orden in Ardabil

Im frühen 14.Jahrhundert übernimmt in Ardabil am Südufer des Kaspischen Meeres ein Sufi-Scheich namens Safi ad-Din (1252-1334) die Leitung eines Derwischordens . Obzwar er selbst vom Buddhismus zum sunnitischen Islam konvertiert war und sowohl er als auch die Bevölkerung Ardabils der sunnitisch ausgerichteten Rechtsschule der Scha’fi angehören, stellt er die Weichen für den anatolischen Alevismus heutiger Prägung. Sein asketisch ausgerichteter und gottesfürchtiger Lebenswandel sowie sein Leumund als Wundertäter bringen ihm höchstes Ansehen ein. Er ist weitgehend ungebildet, ein Grund dafür, daß die Elite zunächst Distanz wahrt. Dieses Manko allerdings macht er durch sein Charisma wett. Über Landesgrenzen hinaus zollen ihm auch weltliche Herrscher großen Respekt, großzügige Schenkungen sollen keine Seltenheit gewesen sein. Safis Orden gelangt so zu höchster Popularität.

1.3.1.1 Der Machtanspruch des Ordens

Zweihundert Jahre nach Safis Ableben zeichnet sich ein für die Islamwelt bedeutender Wandel ab. Der Orden greift nach Macht, diese Ambition soll sowohl politisch als auch religiös bis zum heutigen Tage folgenschwere Auswirkungen haben. Immer häufiger intervenieren die Ordenshäupter ins politische Geschehen, ein für den bis dato auf volkstümlicher Mystik fundierten Orden ungewöhnlicher Akt der Einflußnahme profanen Alltags, der einhergeht mit der Hinwendung zu extremen religiösen Ideologien.

Verantwortlich für den ideologischen Wandel von einer Sufi-Ordensgemeinschaft zu einem Priesterstaat zeichnet Scheich Cunayd, der 1477 die Ordensleitung übernimmt. Zwar bleibt er in seinem politischen und militärischen Bestreben erfolglos. Er wird entthront und ins Exil geschickt, auch künftige Versuche der Wiedererlangung politischen Einflusses sind von bescheidener Natur. Sein Lebenswerk läßt sich auf eine zuvor nie dagewesene Radikalität resümieren. Aus der Ehe mit einer Schwester des turkmenischen Akkoyunlu Führers Uzun Hasan hinterläßt er einen Sohn, den späteren Ardabil-Scheich Haydar, der in seinem Handeln dem Vater in nichts nachsteht, wohl auch deshalb, weil Cunayds Konsorten den Jungen gezielt dergestalt erziehen, um ihn mit neun Jahren der Gefolgschaft als wiedergekehrten Heiland vorzustellen. Sein Erscheinen im Ordenszentrum hat enorme Sogwirkung, schnell lassen sich die Anhänger seines Vaters mobilisieren, derweil Haydar sich militärisches Know-how aneignet.

1.3.1.2 Die Kizilbas

Auf diese Zeit geht auch die Bezeichnung Kizilbas (Rotkopf) zurück. Zur Rekrutentracht der Gefolgschaft Haydars gehört eine rote Kopfbedeckung (Haydar-Kappe). Laut Überlieferung erscheint Ali in Haydars Traum und gebietet ihm, unter seinen Anhängern eine rote Kopfbedeckung einzuführen. „On awaking Sultan Haidar remembered the form, and having cut out a cap to a pattern, ordained that all Sufis should make for themselves caps like this and wear them. They gave it the name Taj-i-Haidari or Haidar’s Cap; and as in the Turkish language Kizil means scarlet, this holy bold became known as the Kizilbash or‚ red heads“.

Spätestens zu dieser Zeit kann nicht mehr von einem mystischen Sufi-Orden gesprochen werden, vielmehr entsteht unter Haydars Leitung eine militärische Organisation, die ihre Schlagkraft „durch den Fanatismus der Mitglieder, die ihren Führer als Heiligen verehrten“, bezieht. Seine Erfolge sind allerdings mäßig, zwar prosperiert der Ardabiler Orden (dies zum Ärgernis der einheimischen Aristokratie, hauptsächlich der zuvor paternalistischen Akkoyunlu), mehrfach wird der Expansionsrausch mittels Kraftaustausch gebremst, und dennoch können sich die Safaviden vom Joch einer undefinierten Handlanger-Mentalität nicht ganz lösen. Sie sind eine permanent verfügbare Stoßtruppe für lokale Fürstentümer, immer wieder wird auf ihre Hilfe zurückgegriffen, wobei abzusehen ist, daß sie sich mit dieser ihnen zugedachten Staffage nicht zufriedengeben würden. Haydars gewaltsamer Tod und die folgende Stagnation sind von sehr kurzer Dauer. Bereits sein Sohn Ali baut Ardabil zum religiösen und politischen Zentrum der Safaviden-Bewegung aus, sein Enkel Ismail allerdings legt den Grundstein des heutigen Iran.
Prägende Merkmale jener Zeit um 1450 sind Zersplitterung und Konsolidierung, so gegensätzlich dies sich anfänglich auch anhören mag. Über Aserbaidschan, wo sich auch Ardabil befindet, herrschen die turkmenischen Karakoyunlu, Ostanatolien gehört noch zur Einflußsphäre der gleichsam turkmenischen Akkoyunlu. Sie sind allesamt Fürstentümer, sogenannte „Beyliks“, hervorgegangen aus dem Sieg Timurs über die Osmanen Anfang des 15.Jahrhunderts. Ein Großteil West-Kleinasiens wird von den Osmanen beherrscht; während erstgenannte an Macht einbüßen, festigen osmanische Heere sukzessive ihre Vormachtstellung über die verbliebenen Regionen.

Mit Schah Ismails Auftreten erstarkten die Safaviden so sehr, daß sie binnen kürzester Zeit große Territorien für sich verbuchen können. Von ihm weiß die heutige Geschichts- und Religionsforschung zu berichten, daß er eine –wenn überhaupt– minimale Orientierung zur extremen Schiia aufwies. Zwar kam den zwölf Imamen auch bei den Safaviden eine relativ große Bedeutung zu, dennoch kann auf der Ebene der gelehrten Theologie eindeutig nachgewiesen werden, daß kaum inhaltliche Übereinstimmung etabliert wurde, dies allerdings unbewußt, denn der Zwölferschiia glaubte man sich bedingungslos verschrieben zu haben.

In diesem Zusammenhang taucht oftmals der Begriff des „Volksislam“ auf. Das schiitische Gedankengut bei Ismails Vorfahren soll laut Roemer „be seen in the framework of Folk Islam without ever having consciously of overtly gone over the Shi’a.“ Dieser habe all das repräsentiert, was den Orthodoxen „seit eh und je ein Dorn im Auge war: Wunderglaube, Wahrsagerei, Traumdeutung, Heiligenkult, volkstümliche Wallfahrtsstätten und einflußreiche Ordensgemeinschaften mit mystischen Praktiken.“ Der Volksislam wird definiert als eine Glaubensform, die „fernab von religionsrechtlichen Spitzfindigkeiten und den Streitereien der Theologen zu einem undogmatischen Verständnis des Islam“ führe. Er ist Antonym für den Hochislam der städtischen Kreise und charakterisiert die Religiosität der einfachen Landbevölkerung, als „deren hervorstechenden Merkmale Heiligenverehrung, Wunderglaube, Gebärkult und ein ausgeprägter Ali-Kult galten. Im Volksislam sind auch überkommene vorislamische Elemente subsumiert, und sie fanden auch Eingang in die volkstümlichen mystischen Bruderschaften der Zeit, wie auch den Orden der Safaviden. Auch wenn sich solche für den Volksislam typischen religiösen Foren teilweise extrem schiitische Formen aufwiesen –am deutlichsten in der überschwenglichen Verehrung Alis und seiner Nachfahren– wäre ihre Charakterisierung als schiitisch im Sinne der gelehrten Theologie unzulässig.“

1.3.1.3 Osmanischer Zentralismus und turkmenischer Widerstand

Dies mag an dieser Stelle rudimentär sein, wichtiger noch erscheint das Herausarbeiten der politischen und religiösen Situation im Lande. Zum besseren Verständnis wird hier auf den Begriff des „Mahdi“ zurückgegriffen (vom arabischen al Mahdi, der unter göttlicher Leitung stehende), vergleichbar dem Messias im christlichen Glauben.

Wie in Zeiten millenaristischer und chiliastischer Aufstände in Europa, die sich fast durchweg mit sozialer Verelendung und Tyrannei erklären lassen, ist auch dem Islam die Gestalt eines Gottgesalbten bekannt. Allerdings sind die auf ihn gerichteten Hoffnungen im Schiitentum stärker ausgeprägt als im Sunnitentum. In ihm sehen die Anhänger des alidischen Zweigs den in die Verborgenheit eingegangenen zwölften Imam, der am Ende der Zeiten zurückkehren und Gerechtigkeit auf Erden walten lassen wird. Besonders im Volksislam kommen Erlösererwartungen an den Mahdi zum Zuge. Schah Ismail und nach ihm weitere halblegändere Gestalten sowie Mustafa Kemal Atatürk wußten diese Hoffnungen sehr wohl machtpolitisch einzusetzen, beim Schah aber tritt noch die Besonderheit zutage, daß er selbst sich als Mahdi verstand. Sein Name wird in der Glaubenswelt der Aleviten verewigt, diese lassen sich verhältnismäßig häufig antreffen.

Der osmanische Herrschaftsanspruch wird begleitet von einem selten zuvor dagewesenen Zentralismus, sowohl das militärische als auch das politische Kalkül schöpft seine Effizienz aus einem hauptsächlich von christlichen Kriegsgefangenen zusammengesetzten Söldnerheer. Damit „gaben die Osmanen das alte Gazitum (Glaubenskämpfertum) nun endgültig auf. Dadurch aber wurden die Träger und Verfechter des gazi-Ideals, die nomadischen Kampfgruppen, ausgeschaltet und somit einer bedeutenden Einnahmequelle –der Beute nämlich- beraubt. [...] Seit Murad I. (1362-1389) setzte aber eine Entwicklung ein, in deren Verlauf die Nomaden nur noch als Stoßtruppen gebraucht, in Zeiten der Konsolidierung jedoch in noch ungesicherte Gebiete abgeschoben wurden. Mit der Neuorientierung der Armee verloren sie dann fast völlig ihre Bedeutung, was sie zu einem gewaltigen Oppositionspotential anwachsen ließ.“

Dabei belassen es die Osmanen allerdings nicht, unter Beyazit II (1481-1512) wird die staatliche Einflußsphäre auch auf die östlichen Teile des Reiches, also Rückzugsgebiete nomadisierender, teils gar seßhaft gewordener Turkmenenstämme, ausgeweitet. Zunächst verstoßen, später zu Steuerabgaben und Heeresdienst verpflichtet, werden sie immer mehr ihrer traditionellen Lebensweise beraubt, an der sie auf Gedeih und Verderb festhalten wollten. Parallel dazu distanziert sich die osmanische Herrschaftsclique vom Türkentum: Am Hofe verdrängt Persisch das Türkische, sowohl Sprache als auch Kultur werden durch arabische und persische Einflüsse infiltriert, so sehr, daß der Ethnienzuordnung „türkisch“ eine pejorative Konnotation im Sinne von ländlich bzw. ungebildet beikommt. Die Osmanen kehren ihren Ursprüngen vollends den Rücken und tragen damit zu einer „Gegen-Kultur“ bei, die an althergebrachten Normen festhält und im übrigen Schah Ismail als spirituellen Führer Respekt zollt.


1.3.1.4 Kriegsgewirr und Mahdi-Anbetung

Cohn legt am Beispiel des christlichen Europa eindrucksvoll dar, daß chiliastische Strömungen ihren Ausgang stets in Verelendung und Kriegsgewirr hatten. Stets fanden Scharlatane und Pseudoheilige ihre Gefolgschaft in Zeiten sozialen Armuts, dann nämlich ließen sich die Massen leichtfertig für Glaubenskämpfe mobilisieren, erfüllt mit Angst und Hoffnung, der Welt letzte Stunde habe geschlagen, die letzte Schlacht um Gottes Gnaden werde Heil und Erlösung auf Erden bringen. In seinen Schlußbetrachtungen führt er aus: „Jene Menschen des Mittelalters, auf die der revolutionäre Chiliasmus die stärkste Anziehungskraft ausübte, waren weder die fest mit dem Dorf oder Herrenhaus verbundenen Bauern noch die in Zünften verwurzelten Handwerker. Diesen Schichten mochte zeitweise Armut oder Unterdrückung, zeitweise relativer Wohlstand oder Unabhängigkeit bescheiden sein; sie mochten gegen ihre jeweilige Lage revoltieren oder sich in sie schicken; in ganzen waren sie jedoch nicht geneigt, sich unter irgend einem inspirierenden Pseudopropheten an einer hektischen Jagd nach dem Tausendjährigen Reich zu beteiligen. Vielmehr fanden die Pseudopropheten ihre Gefolgschaft in akut übervölkerten Gegenden in Stadt oder Land. [...] Der revolutionäre Chiliasmus zog seine Kraft aus dem am Rande der Gesellschaft vegetierenden Bevölkerungsüberschuß: Bauern mit gar keinem oder zu wenig Land, um sie zu ernähren, von ständiger Arbeitslosigkeit bedrohte oder ungelernte Arbeiter und Tagelöhner; [...] also jene amorphe Menschenmasse, die nicht nur arm war, sondern darüber hinaus keinen gesicherten und anerkannten Platz in der Gesellschaft finden konnte. [...] Gerade weil sich diese Leute in einer so exponierten, hilflosen Lage befanden, neigten sie oft dazu, auf jede Störung der vertrauten Lebensform besonders scharf zu reagieren.“

Eine ähnliche Situation finden wir in Anatolien des 15.Jahrhunderts vor. Die durch osmanische Expansionswut bedingte explosive Stimmung wird verschärft durch soziale Not und kriegerische Auseinandersetzungen. Im benachbarten Persien sieht die Lage nicht besser aus. Es sind die Altlasten des Mongolensturms unter Cingiz Han, der im 13. und 14.Jahrhundert mit seinen Heeren wütet und kurzweilig gar einen mongolischen Teilstaat errichtet. Der Wissenschaft bis heute suspekt, tritt anschließend keine Mongolisierung, sondern eine Turkisierung ein, ohnehin zählen sich erstere mit den Türken zum gleichen Stamm, sowohl ethnisch, als auch sprachlich und konfessionell gehen sie schließlich im türkischen Volkstum auf. „Letztendlich führte die mongolische Eroberung Persiens zu einer Steigerung des türkischen Bevölkerungsanteils und einer erheblichen Ausweitung des türkischen Siedlungsgebiets. So ist es kein Wunder, daß in den Erinnerungen Scheich Safis, wie seine Vita sie festhält, so gut wie niemals von Mongolen, sondern immer nur von Türken die Rede ist.“ Während die persische Oberschicht mit den Usurpatoren kollaboriert, ist die Masse der kleinen Leute immer wieder Opfer obrigkeitlicher Willkür und schrankenloser finanzieller Erpressung. Massenweise verlassen sie ihre Dörfer und ziehen als Bettler durchs Land, rotten sich zu Banden von Wegelagerern zusammen, die sich rasch zu einer wahren Landplage entwickeln.

Wie in der Vergangenheit, in der der Mahdi-Glaube tragendes Element gewaltiger Volkserhebungen gewesen war, besteht die Reaktion auch diesmal im Ruf nach dem Erlöser; dieser bietet sich in der Gestalt Schah Ismails im fernen Ardabil. Er nutzt jede Gelegenheit, oppositionelle Turkmenenstämme anzuwerben. Bis zur offiziellen osmanisch-safavidischen Demarkation sendet er Boten aus, was den Osmanen ein Dorn im Auge ist und Gegenmaßnahmen nach sich zieht. Fortan sehen sich turkmenische Kizilbas auf osmanischem Gebiet unmittelbarer Repression ausgesetzt.

Wir dürfen nicht vergessen, welche Rolle den Turkmenen bei der Gründung des Safaviden-Reiches zukam: Durch ihre Schlagkraft erst ließ sich Territorium einnehmen und manifestieren. Die abwandernden Ströme bedeuteten für die Osmanen Verlust militärischer Masse, Verzicht auf Steuereinnahmen und bereitwilliges Potential, daß sich jederzeit gegen die ehemals verhaßte Hegemonialmacht einsetzen ließ. Die osmanische Reaktion darf in diesem Kontext nicht verwundern, die Illoyalität der Kizilbas, also jener Turkmenen, die sich dem Ardabiler Orden verschrieben und durch die rote Kopfbedeckung zu diesem Namen gekommen waren, stellte eine nicht zu unterschätzende Bedrohung dar.

Die Reaktion bestand neben kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen die Safaviden im Jahre 1514 bei Çaldiran geschlagen wurden, in einer antialevitischen Propaganda, initiiert vom Sultanshof selbst. Zu dieser Zeit kann Laçiner zufolge noch nicht von sunnitisch-alevitischen Feindschaften gesprochen werden, da auch dem Sunnitentum mystische Elemente immanent gewesen seien. Er führt dazu aus: „ Zu jener Zeit war jedoch unter der sunnitischen Bevölkerung und den Derwischen, den islamischen Mystikern, eine Haltung religiöser Toleranz verbreitet. Diese kennzeichnete auch die heterodoxen Strömungen, die sich unter dem Namen des Alevitums zusammenfanden. Selbst der Staat zeigte sich bis ins 16. Jahrhundert gegenüber religiösen Orden und Glaubensgemeinschaften, welche auf althergebrachte Traditionen zurückgriffen, tolerant, oder richtiger: Er hatte es vermieden, Partei zu ergreifen.“ Hernach allerdings, insbesondere nach dem Sieg über die Safaviden, verfolgen die Osmanen eine unerbittliche Sunnitisierungskampagne. In einem Dekret werden jedem Zweifler drastische Strafen angedroht, schon blasphemisches Gedankengut steht auf dem Index, Prophetensakrilege will der Sultan mit dem Tode sanktionieren. Des weiteren soll „in jedes Dorf eine Moschee gebaut und zumindest das Freitagsgebet von allen obligatorisch“ eingehalten werden.

Zunächst aber betreiben die Osmanen eine Politik der vorsichtigen Isolierung, indem sie den Aufständen das Religiöse absprechen und ihr Vorgehen auf von Safaviden angestachelte Erhebungen reduzieren. Die bedeutendste Niederlage bringen die Osmanen den Aleviten im Jahre 1518 bei, an dem sich bedingt durch politische Unzufriedenheit und wachsendem Zentralismus auch andere Randgruppen beteiligen. Bereits 1511 unter Schah-Kuli und im Folgejahr unter Nur Halife war es zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen; der Scheich Celal Aufstand allerdings datiert nach der Schlacht bei Çaldiran, d.h. die unmittelbare Unterstützung der besiegten Safaviden war bereits eingedämmt.


1.3.1.5 Die Kapitulation der anatolischen Kizilbas

Etwa zur selben Zeit distanzieren sich die Safaviden vom heterodoxen Alevitentum und führen die orthodoxe Schiia in Form der Caferiya als offizielle Staatsreligion ein. Dies ist ein Scheidepunkt, denn die turkmenischen Aleviten betrachten normative Regeln des Koran nach wie vor als sekundär, während die Caferiya soziales und ökonomisches Leben ganz nach den Normen des Koran und der Hadithen richtet. Sowohl die legere Religionsausübung als auch ihre anarchische Auffassung vom Staat lassen die Safaviden an weiterer Kooperation mit den Kizilbas zweifeln.

Die anhaltende Terrorwelle gegen Kizilbas mit Tausenden Hinrichtungen führt unmittelbar in die „soziale, geistige und ökonomische Isolation“, sie ziehen sich für die kommenden 400 Jahre in entlegene Bergregionen zurück, um zum einen weiterer Repression zu entgehen, aber auch, um eigene Glaubens- und Wertvorstellungen weiterleben zu können. Es ist der Beginn des anatolischen Alevismus.

1.3.2 Die Aleviten unter osmanischer Herrschaft

Der Rückzug in entlegene Gebiete kann die Aleviten vor osmanischer Aggression nicht bewahren, die Verfolgungswelle unter Padisah (Sultan) Selim I. in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts wird später durch Sultanserlasse fortgeführt. Willkürliche Stigmatisierung der Gemeinschaft als Häretiker und die Kolportation des Inzest-Vorwurfs machen sie auch innerhalb der sunnitischen Mehrheit zu Verächtlichen.

Die über ein halbes Jahrhundert andauernden Verhaftungen und Hinrichtungen können sie dennoch nicht zur Aufgabe ihres Glaubens bewegen. Kehl-Bodrogi vermutet, daß genau zu dieser Zeit das in seinen Ursprüngen sunnitische takiya-Gebot (Verstellung) eingeführt wurde. Erst danach wird die öffentlich demonstrierte Ablehnung gegenüber Sunniten eingefroren, in Sunnitendomänen passen sie sich den Gegebenheiten an, fasten im Ramadan und beten die rituellen Gebete.

Dieses von Goffmann als „Management nicht offenbarter diskreditierender Informationen über sich selbst“ läßt sich noch heute häufig beobachten. Im Ramadan-Monat lassen viele Aleviten je nach Örtlichkeit in den frühen Morgenstunden das Licht brennen, um den Eindruck vorzutäuschen, sie seien wie alle anderen zum morgendlichen Gebet aufgestanden. Der Verzehr von Nahrung wird in der Öffentlichkeit unterlassen, das für jeden Muslim obligatorische und zumeist in der Moschee zu verrichtende Freitagsgebet u.U. befolgt. Die Betroffenen sind dem Dilemma ausgesetzt, sich entweder dem sozialen Umfeld zu offenbaren oder weiterhin ihr Manko zu verheimlichen, da sie das Risiko in Kauf nehmen müssen, ihren Status einer „diskreditierbaren“ Person gegen den einer „diskreditierten“ Person einzutauschen. Entscheidend ist nicht die Kompensation der Spannung während sozialer Kontakte, sondern „die Information über ihren Fehler zu steuern. Eröffnen oder nicht eröffnen; sagen oder nicht sagen; rauslassen oder nicht rauslassen; lügen oder nicht lügen; und in jedem Fall, wem, wann, wie und wo.“

Auch das Endogamiegebot hat einen protektionistischen Hintergrund: Über eingeschleuste Spitzel gelang es dem Sultanshof mehrfach, Gemeinschaftsinterna in Erfahrung zu bringen, sei es die alevitische Aversion gegen die ersten drei Kalifen, ihre Weigerung, die islamischen Dogmen zu befolgen und die nach wie vor ungebrochene Hoffnung auf den Mahdi. Die Endogamie verhindert künftige Spionage, da sie sogar nach vielen Generationen der Herkunft jedes Einzelnen auf väterlicher Linie nachgehen können.

Es soll noch Jahrzehnte dauern, daß sie Abstand nehmen von chiliastischen Erwartungen, der Glaube an die übersinnlichen Safaviden reist erst ab, nachdem sie in den Refugien funktionale Gemeinschaftsstrukturen errichten, soziale und religiöse Kodizes einführen und sich in Sicherheit wägen können, künftiger Repression nicht mehr unmittelbar ausgesetzt zu sein.


1.3.3 Der Bektasi-Orden

Nach dem Abbruch der Verbindung zu den Safaviden erkennen Teile der Kizilbas einen bestimmten Zweig des heterodoxen Derwischordens der „Bektasi“ als religiöse Führungsschicht an. Die strukturelle und glaubensspezifische Nähe des städtisch geprägten Bektasi-Ordens zum ländlichen Alevitentum führt zu einer weitgehenden Gleichsetzung der beiden Gemeinschaften, so daß sie oft zusammengenommen Alevi/Bektasi genannt werden. Der halblegendäre Mystiker Haci Bektas Veli (13. Jahrhundert), auf den sich die Bektasi zurückführen, wird auch von den Aleviten als nach Ali wichtigster Heiliger verehrt. Aus Horasan (Iran) kommend, läßt er sich in Sulucakarahöyük (heute die nach ihm benannte Kreisstadt Haci Bektas in der Provinz Nevsehir) nieder.

Die dynastische Struktur der Bektasi-Derwische wird patrilinear auf ihn zurückgeführt, er selbst sei direkter Nachkomme Alis, wobei sich die „baba“ (Vater) – im Unterschied zu den „Çelebi“, die sich als „bel evladi“ (Blutsverwandte; Kinder der Lende) begreifen – als Weggefährten (yol evladi) betrachten und enthaltsam leben. Sie glauben daran, daß er zölibatär gelebt habe; mit seiner Angetrauten Fatma Nuriye (Kadincik ana) habe er sexuell nicht verkehrt, die Geburt seines Sohnes Seyid Ali Sultan (Timurtas) wird als Folge einer Blutübertragung ausgelegt.

Alevitische Autoren loben seine Leistungen in den höchsten Tönen, Gülçiçek apostrophiert seinen freiheitlichen, demokratischen und humanitären Nimbus, der ihm große Anhängerschaft beschert hätte. Für die unterdrückten und verachteten Menschen sei er der Erlöser gewesen, unabhängig von Volks- und Religionszugehörigkeit hätten sich Bauern, Agrarsklaven, christliche und muslimische Häretiker, die von der herrschenden Klasse der Seldschuken, Osmanen, Mongolen und Byzantiner Unrecht erfahren hätten, in seiner Ideologie wiedergefunden.

1.3.3.1 Die gesellschaftliche Rolle der Bektasi-Klöster

Die Macht der Bektasi-Klöster im osmanische Reich war immens, allein die Verbundenheit der elitären Yeniçeri-Armee mit dem Orden verschaffte ihnen massiven Einfluß am Sultanshof. Die Yeniçeri selbst bildeten zeitweise einen Staat im Staate. Sener beruft sich auf historische osmanische Quellen, wenn er behauptet, daß sie gar in der Lage waren, das Staatsoberhaupt nach Gutdünken zu ersetzen. Die Ermordung von Sultan „Genç Osman“ wird ihnen zugeschrieben; ihre Macht wurde als zeitweilig gefährlichster Instabilitätsfaktor des Reiches ausgelegt.

Mélikoff macht die Unterschiede zwischen Bektaschiten und Kizilbas an der sozialen Herkunft fest. Die Bektasi sind seßhaft und städtisch geprägt, sie weisen einen hohen Bildungsgrad aus; recht früh errichten sie im gesamten Reich soziale und religiöse Netzwerke, während die immigrierten Aleviten lange Zeit an der nomadischen Lebensweise festhalten. Brandenburg und Luschan führen in ihren Beobachtungen aus, daß die Kizilbas über Sommerdomizile verfügen, die sogenannte „Jaillah-Einrichtung“ (türkisch: Yayla), während sie im Winter die „Kischlah“ (türkisch: Kisla) bevorzugten.

Die Bektasi werden von Orthodoxie trotz ihres Einflusses mit Mißmut beäugelt, schließlich handelt es sich um einen schiitisch geprägten Sufi-Orden, der neben der Anpreisung der Zwölferschiia auch pantheistische Elemente beherbergt. Kissling führt dazu aus: „Der islamische Derwisch nimmt keinen Anstoß, den pantheistischen Allgottbegriff haqq mit dem orthodoxen Begriff allah zu vermengen, indes der strenge Orthodoxe sie peinlich unterscheidet. Der Gedanke der Unio mystica ist auf monotheistischer Basis undenkbar, da der monotheistische Gott außerhalb seiner Schöpfung, also zu ihr im Gegensatz steht.“ Da eine Einswerdung nur mit wesensgleichen Dingen möglich ist, wurde ihnen offen Ketzerei unterstellt.

Trotzdem der Hochislam mystische Elemente weitestgehend verdrängen konnte, stieß der Sufismus auf fruchtbaren Boden. Kissling führt dies auf alte Gepflogenheiten zurück, der Heiligenkult habe sich auf dem Gebiete des Osmanischen Reiches eine Heimstätte auch im Islam auf dem Wege über das Gewohnheitsrecht, die „adah“, erzwungen. „Es ist ja nicht so, daß eine siegreich einbrechende Religion die unterlegene Religion über Nacht vom Erdboden verschwinden läßt. Vielmehr geht hier unbewußt ein synkrenistischer Prozeß vor sich. Alte Vorstellungen leben im neuen Gewande fort, und zwar gerade beim Volke, während dieses Fortleben der alten Vorstellungen etwa im System der neuen Hochreligion nur in Form lauer Kompromisse möglich ist.“ Die bigotten Wortführer nehmen die Kapitulation des Hochislam unter der Prämisse in Kauf, daß den Derwischen allenfalls eine Vermittlerrolle zukommt.

Die Derwischorden waren für die Aleviten zweifelsohne lebenserhaltend, weltliche Herrscher zollten ihnen großen Respekt und vermochten den Derwischen nur durch die Hintertür Schaden zuzufügen. Ihre Machtsphäre erstreckte sich über ganz Anatolien bis hin zum Balkan, diese existieren vereinzelt bis zum heutigen Tage. Fest steht, daß in der Bevölkerung trotz aller Diffamierungen Sympathien zum mystischen Islam gehegt wurden. Ihre tatsächliche Macht über die Masse des Volkes hat sich in der Geschichte des osmanischen Reiches mehrfach erwiesen. Mannigfach treten die Derwische als Führer und Hetzer bei inneren Unruhen und Aufständen auf, überall haben sie die Hand im Spiel, weil sie den Bedürfnissen der Massen näherkommen als die Orthodoxie mit ihren abstrakten Lehrsätzen, „mit denen man die Lage nicht änderte. Aus ihren geistig erstarrten Reihen konnten keine neuen Ideen mehr hervorgehen und konnten sich daher auch keine neuen Menschenbeglücker rekrutieren. Solche konnten nur aus Derwischkreisen entstehen, man denke nur daran, daß etwa der Aufstand des berühmten Bedr ed-Din b. Quadi Samavna auch nichtmuslimische Parteigänger hatte und das es des vollen Einsatzes aller staatlichen Machtmittel bedurfte, um die rabiaten Derwische niederzuzwingen.“


1.3.3.2 Der Untergang der Bektasi-Klöster

So prachtvoll die Bektasi-Ära, so unmittelbar und unerwartet auch der Niedergang des Ordens: Wohl sich in Sicherheit wähnend, die oftmals gerüffelten osmanischen Machthaber unter Kontrolle zu haben, können sie die Auflösung unter Mahmud II. Anfang des 19.Jahrhunderts weder verhindern noch verkraften, da inzwischen auch der Yeniçeri-Korps, der traditionell die politische Stütze gebildet hatte, nicht mehr existiert. Sie wurden „aufgehoben und ihr Besitz ward teils zu Nutzen des Staatsschatzes verkauft, teils anderen Derwischgemeinschaften zur Verfügung gestellt.“ Daraus geht zugleich hervor, daß der Bektasi-Orden nicht endgültig abstirbt, einzelne Klöster existieren bis hinein ins 20.Jahrhundert, noch heute ist die ehemalige Residenz in Haci Bektas Heiligenstätte der Aleviten, alljährlich pilgern Zehntausende zu den Haci-Bektas-Feierlichkeiten. Vitale Klöster wurden jedoch infolge der Säkularisierungskampagnen unter Mustafa Kemal Atatürk aufgelöst, heute haben sie keinerlei Bedeutung mehr.

1.4 Historische Halbwahrheiten

An dieser Stelle sollen noch mögliche Mißverständnisse aus dem Weg geräumt werden, die alevitischer Geschichtsschreibung eigen sind. Sie resultieren aus Mangel an authentischer Forschung und teils ideologisierter Schuldzuschreibung.

Die safavidische Orientierung zur extremen Schiia ist von langer Hand vorbereitet worden. Halm weist darauf hin, daß die neue Bekenntnis keineswegs reibungslos vonstatten ging, weil die Bevölkerung Irans (so auch Afghanistans und Zentralasiens) überwiegend sunnitisch gewesen ist und Anfang des 16.Jahrhunderts in Iran keine theologisch-juristische Tradition zur Zwölferschiia existiert habe; bei Ismails Inthronisierung habe sich gerade mal ein imamitisches Buch auftreiben lassen.

Vielfach kommt insbesondere in alevitischen Publikationen den Osmanen dieser Zeit eine Saulus-, den Safaviden hingegen die Paulusrolle zu. Es ist unbestreitbar, daß die turkmenischen Aleviten diesen näher standen. Allein die Gemeinsamkeit der Zwölferschiia-Verehrung machte sie zu Verbündeten, die Safaviden legten mystische Elemente erst später ab. Nichtsdestotrotz bleibt zu berücksichtigen, daß beide Seiten im Gerangel um Macht und Territorium die Volksmassen auf sich zu vereinen suchten. Die Loslösung von den ehemaligen Verbündeten ist ein eindeutiges Indiz dafür. Waren sie zweihundert Jahre zuvor nach Aufstellung eines stehenden Söldnerheeres von den Osmanen ausgestoßen worden, so verfuhren die Safaviden nach Errichtung des Nationalstaats in selber Weise.

Die Gleichsetzung von Safaviden und Kizilbas ist eine osmanische Tradition, wobei die Bande beider auf alevitischer Seite apostrophiert, auf osmanischer Seite stigmatisiert, die Differenzen hingegen geflissentlich verschwiegen werden. Kizilbas waren mehrheitlich Turkmenen, die Identifikation mit ihnen bedurfte (rein äußerlich) der roten Kopfbedeckung, nichtsdestotrotz läßt sich mitnichten auf Quellen stoßen, die nahelegen würden, daß die Zugehörigkeit an konfessionelle oder ethnische Kriterien geknüpft wäre. Roemer zufolge könne man die Kizilbas-Bewegung keineswegs „als eine ausschließliche turkmenische Leistung bezeichnen. Nicht jeder Stammesangehörige war ipsi facto Qizilbaš, sondern nur derjenige, der sich zu der Bewegung bekannte und durch die Verleihung der rotzwickligen Kopfbedeckung als deren Mitglied aufgenommen wurde. Dazu mußte man nicht unbedingt turkmenischer Abstammung sein. Es hat auch nichtturkmenische Qizilbaš gegeben, z.B., iranische wie Ism?’ils berühmter wakil (Stellvertreter; Anm. des Verf.) Nagm-i sani oder kurdische wie der ?igani. Allerdings waren nichtturkmenische Qizilbas nicht nur in der Minderheit, sondern seltene Ausnahmen.“ Daß ihre militärische Schlagkraft das Safavidenreich begünstigte, bedeutet nicht, daß die Staatsgründung eine ausschließlich turkmenische Leistung gewesen ist. Schah Ismail, Enkel des Akkoyunlu-Führers Uzun Hasan, war auf mütterlicher Linie selbst Turkmene.

Wie sehr beim ehemals mystischen Sufi-Orden und der heimischen Bevölkerung Animositäten gegen die Turkmenen verbreitet waren, mag durch folgende Passage unterstrichen werden: „Im 13.Jahrhundert folgten Cingiz-Han und seine Nachkommen, in deren Gefolge viele türkische Stämme waren. [...] Im Verlauf dieser Invasionen kamen zahlreiche türkische Scheiche (türkisch: baba, dede) nach Westen, im 13.Jahrhundert häufig als Qalandar- und Yasavi-Derwische. Ihr Wirkungskreis lag vor allem bei den türkischen (und mongolischen) Nomadenstämmen und der –halb oder ganz seßhaften– Landbevölkerung, bei denen sie großen Einfluß hatten. [...] Sie vertraten einen mystisch gefärbten Islam álidischer Prägung, der den nationalen Sitten und Traditionen der Türken sowie ihren althergebrachten religiösen Vorstellungen, die in islamischem Gewand weiterlebten, angepaßt war. Nachlässig in der Befolgung der ?ari’a, sollen sie im Auftreten und in der Ekstase Schamanen geähnelt haben. Die orthodoxen städtischen Kreise –Sunniten wie Schiiten, die beide Gehorsam gegenüber der ?ari’a fordern– mußten in ihnen und ihren Anhängern Häretiker sehen. Ebenso standen ihnen städtische Mystiker –wie die frühen Safaviden– ablehnend gegenüber. Sie sahen in ihnen nicht nur unerwünschte Rivalen, sondern hielten die von ihnen vertretene Form des Islam ebenfalls für Häresie. Den städtischen Kreisen war diese Art der türkischen Scheiche stets verdächtig, und die Schilderungen über sie sind demgemäß nachteilig.“

Sohrweide geht weiter in die Tiefe, die Schilderungen sind tatsächlich aversiven Charakters und oftmals von Schuldzuweisungen blasphemischer und häretischer Art sowie Unmoral gekennzeichnet. Dazu führt die Autorin aus: „ Zur Zeit der frühen Šafaviya müssen die Qalandar-Derwische sehr aktiv gewesen sein. Das Faust?t, eine Quelle aus dem Ende des 13.Jahrhunderts, schildert ihre für einen guten Muslim anstößige Lebensweise. Sie verrichteten die vorgeschriebenen Gebete nicht, tränken Wein, frönten dem Haschischgenuß, hielten die Fastenzeit im Ramaz?n nicht ein und brächten die Kinder der Muslime vom rechten Weg ab.“

Auch die Stellung der Frau scheint sowohl Sunniten als auch Schiiten ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Frauen sind weitaus freier und verhüllen sich nicht, den Sam?-Tanz, noch heute wichtigste Initiation des alevitischen Ayin-i Cem-Rituals, verrichten sie gemeinsam. Das sind nicht die einzigen Merkmale, auch im Krieg ziehen Frauen zu Felde, den Männern sollen die Turkmeninnen Berichten eines Bertrandon de la Broquière zufolge im Kampf ebenbürtig gewesen sein. “Italienische Reisende erzählen [...] dasselbe von den Aq Qoyunlu-Türkmenen aus der zweiten Hälfte des 15.Jahrhunderts. Im 16./17. Jahrhundert, unter den Safaviden, deren Heeresmacht sich zum großen Teil auf Türkmenen (Qizilbaš)-Stämme stützte, war es ebenfalls Sitte, daß die Frauen den Truppen ins Feld folgten. So fielen nach der berühmten Schlacht bei ?aldiran im Jahr 1514 den siegreichen osmanischen Truppen, als sie in das persische Lager eindrangen, viele Frauen in die Hände.“

Dieser kurze Abriß mag zur Aufhellung der tatsächlichen Beziehungen genügen. Es bleibt festzuhalten, daß die konfessionelle Affinität auf Rudimente basiert, die Glaubensinhalte hingegen unterschiedlich akzentuiert sind. Im Kontext dieser Arbeit bedeutet es zugleich, daß die Turkmenen, späteren Kizilbas und heutigen Aleviten mit der ihnen spezifischen Religionsauffasung und ihrem Beharren auf traditionelle Wertvorstellungen zwar Standhaftigkeit bewiesen und dafür die Gunst ihnen auf dem Level des kleinsten gemeinsamen Nenners nahe stehenden Fürsten suchten, im Gegenzug aber Zeit ihrer Geschichte von rivalisierenden Machthabern als Kanonenfutter eingesetzt wurden.


2.1 Das Bekenntnis zur Zwölferschiia

Die Verbindung zu den postschiitischen Safaviden wurde bereits erörtert. Dieser Tradition treu, bekennen sich die Aleviten noch heute zur Zwölferschiia und begreifen sich als Angehörige des Caferiya-mezhep, eine der fünf Rechtsschulen des Islam. Das Bekenntnis selbst ist von mannigfachen Widersprüchen gekennzeichnet, so daß sich weder eine Zuordnung sowohl zum Islam im allgemeinen, noch zur Zwölferschiia im besonderen vornehmen läßt. Angefangen bei ihrer Weigerung, den Koran als unmittelbares Wort Gottes anzuerkennen, da dieser durch die Feinde Alis mehrfache Modifikationen erfahren habe, über ihre strikte Ablehnung des religiösen Gesetzes, der Scharia, ihr eigensinniges Verständnis bei der Befolgung der auf die „sahada“ (Bekenntnis zum Islam) folgenden vier Hauptpfeiler bis hin zur „sahada“ selbst, in der Ali entgegen der sunnitischen Variante ausdrücklich als Freund Gottes Erwähnung findet (Aliyyün Veliyullah).

Ihre Geschichte läßt all das plausibel erscheinen, weil alevitische Religiosität vordergründig auf Alltagsbedürfnisse ausgerichtet war und theologischen Spekulationen nur ein untergeordneter Part zukam. Kehl-Bodrogi hat angesichts vieler Eigentümlichkeiten Schwierigkeiten, hier „über eine eigenständige Religion zu sprechen“, da es eine Reihe fremder Bestandteile zu einem spezifischen Glaubenskomplex zusammenfasse. Bumke weist darauf hin, daß Gläubigkeit sein Korrelat in der Geselligkeit gefunden habe, nicht aber in der Befolgung ritueller Verehrungsformen. Jener Zweig des mystischen Islam, den Vorhoff als „kollektivistisch, handlungs- und erfahrungsorientiert“ kennzeichnet, war neben dem osmanisch-safavidischen Konflikt entscheidend für das Entstehen des Alevitentums. An selber Stelle macht sie den Zwist zur tragenden Säule des Religiösen, letztlich sei die Bewegung aber eine soziokulturell und ökonomisch gefärbte gewesen, die religiösen Orientierungsbedürfnissen von Nomaden, Bauern und einfachen Handwerkern entgegen gekommen sei.


2.1.1 Die vier Torwege

Der mystischen Lehre der „dört kapi, kirk makam“ (vier Torwege, vierzig Stationen), eine für Vorhoff geradezu numerische Formulierung der Glaubenslehre“ kommt zentrale Bedeutung zu. Der Gläubige erlangt Einheit mit Gott erst nach Durchschreiten der Torwege, die jede für sich zehn Gebote beinhalten. Die unterste Rangstufe ist das „seriat“ (Scharia), das religiöse Gesetz, nach alevitischer Auslegung also jene 30.000 Geheimnisse, die Gott Mohammed anvertraut hat. Nach eigenem Selbstverständnis berechtigt die Zugehörigkeit zur alevitischen Dynastie qua Geburt zur Aufnahme in das nächsthöhere Tor des „tarikat“ (Suche nach innerer Erleuchtung; der mystische Weg). Als „mürit“ (Schüler) läßt sich der Gläubige von einem „mürsit“ (Lehrer, Ziehvater) in die Mystik einweisen und befolgt fortan dessen Anweisungen; er lernt u.a. „Gutes“ zu leisten, anständig, bescheiden und wohltätig zu sein. Hat er sich bewährt, tritt er in das „marifet-Tor“ (Fähigkeit göttlicher Erkenntnis) ein. Profane Laster legt er ab und übt sich in Geduld, Toleranz und Genügsamkeit; seinen Gelüsten soll er abschwören, Selbstsucht, Haß oder Rache sollen begraben werden. Dann erst kann er eintreten in das Tor der „Wahrheit“ (hakikat), die göttliche Erfahrung ist ihm sicher, hier kann er Gott in sich und sich in Gott betrachten.

2.1.2 Alevitische Katechismen

Wie bereits mehrfach erwähnt, pflegten Aleviten einen strengen Geheimhaltungskodex und schirmten sich von der Außenwelt kategorisch ab. Heute sind es alevitische Katechismen (buyruk), die sich im Besitze von ocak-Mitgliedern (heilige Familien) befinden und erst durch aufwendige Recherchen der Wissenschaft zugänglich wurden. Bis heute sind sie nicht vollständig entschlüsselt, dennoch liegen vereinzelte Exemplare vor, vorwiegend handschriftliche Niederlassenschaften aus verschiedenen Gegenden Anatoliens, wobei die älteste Schrift auf den 6.Imam Cafer Sadik (Imam Cafer Buyrugu) zurückgeführt wird. Es sind mehrere buyruk in Umlauf, deren Authentizität aufgrund weitgehender inhaltlicher Übereinstimmung unzweifelhaft ist. Da es im Alevitentum keine kanonische Einheit und keine Zentralinstanz gibt, ist die Existenz weiterer Quellen sehr wahrscheinlich. Grundsätzlich ist davon auszugehen, daß der Imam Cafer Buyrugu mit seinen Ausführungen zur Erschaffung der Welt, zum göttlichen Licht in Ali und zu den Regeln der religiösen Initiation, Basis aller weiteren Katechismen gewesen ist.

Die buyruk enthalten moralische Ermahnungen, Anleitungen zur Durchführung religiöser Zeremonien, Konventionen über die Pflichten des Einzelnen sowie Begebenheiten der frühislamischen Geschichte. Des weiteren existieren zahllose „nefes“ (Atem), zwischen dem 13. und 17.Jahrhundert verfaßte Gedichte bedeutsamer alevitischer Poeten wie Yunus Emre, Schach Ismail (auch bekannt als „Hatayi“), Kaygusuz Abdal oder Pir Sultan Abdal. Ihnen lassen sich ebenfalls alevitische Gepflogenheiten und Wertvorstellungen entnehmen, sowohl die Buyruks als auch die Nefes sind ausnahmslos in türkischer Sprache verfaßt.

Kehl-Bodrogi hatte als eine von wenigen westlichen Forschern Zugang zu alevitischen buyruk mit Raritätswert, die im Besitze heiliger Familien jahrhundertelang höchster Geheimhaltung unterstanden und in diesen Zirkeln von Generation zu Generation weitergereicht wurden. Ihre Inhalte waren ausschließlich heiligen Männern der Gemeinde bekannt, ihre alchimistische Grundeinstellung zur Außenwelt und die im 20.Jahrhundert einsetzende Auflösung hätten ohne diese Schriften kaum Wissenswertes ans Tageslicht gefördert.

2.2 Ali: Prophet, Imam oder Gottvater selbst?

Der Glaube ist geprägt durch tiefe Verehrung des vierten Kalifen Ali (ermordet 661), zugleich Cousin, Intimus und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Seine beiden Söhne Hasan und Hüseyin sowie die restlichen Imame der Zwölferschiia und weitere halblegendäre Gestalten bleiben davon nicht ausgenommen. Nicht zuletzt der um die Imame betriebene Personenkult zeichnet verantwortlich für die stigmatisierende Bezeichnung "ghulat", ein in der Islamgemeinde für Übertreiber häufig verwendeter Terminus.

Die zahlreichen Darstellungen können letzte Zweifel an Alis wahrer Natur nicht erhellen. Es ist kaum ersichtlich, ob er in der Heidenhierarchie Mohammed übergeordnet ist, ihm beständig loyaler Freund und Kampfgenosse war, ihm als unsichtbare bzw. Löwengestalt den richtigen Weg wies, oder ob ihm gar selbst göttliches Dasein eigen gewesen ist.

Den „buyruk“ entnehmen wir Konkretes zur Person Ali; die Ausführungen rekurrieren auf Mohammeds Himmelsfahrt (miraç) und die anschließende Begegnung mit der „Versammlung der Vierzig“ (Kirklar Meclisi). Beide Vorfälle sind von allergrößter Bedeutung für die Aleviten, dadurch erst lassen sich sowohl die Ali-Verehrung als auch die unkonventionelle Islamauffassung legitimieren.

Mohammed steht auf seiner Himmelfahrt Selman-i Farisi zur Seite, auf halbem Weg wird er durch einen Löwen aufgehalten und kann seine Reise erst fortsetzen, nachdem er der Aufforderung einer unsichtbaren Stimme nachkommt, dem Tier seinen Ring zu überlassen. Bei Gott angelangt, bemerkt er schließlich Ali hinter einem Vorhang, dieser hat der Unterhaltung unbemerkt beigewohnt, erst jetzt weiß Mohammed um seine wahre Natur bescheid. Gott anvertraut Mohammed einen Drittel der neunzigtausend Geheimnisse, die übrigen zwei Drittel werden zum Mysterium in der Person Ali. Mohammeds Anteil an den Geheimnissen ist demgemäß von profanem Wert, weil es lediglich die Regeln des „seriat“ (Scharia) beinhaltet, die des „hakikat“, der Wahrheit (eines der vier Torwege im Alevitentum) allerdings, sind in Ali. Die Begegnung mit Gott endet mit einer Gabe des Allmächtigen in Form von Trauben, die er seinen beiden Enkeln Hasan und Hüseyin mitnehmen solle.

Auf dem Rückweg begegnet Mohammed der Versammlung der Vierzig, sein Weggenosse Selman entpuppt sich als Mitglied derer, auch Ali ist mit von der Partie, sogar Fatma wird Mitgliedschaft nachgesagt. Sie stellen sich als „Kirklar meclisi“ vor und erbringen dem zweifelnden Mohammed den Beweis, daß tatsächlich alle bluten, wenn einer blutet, indem sich Ali einen Schnitt beibringt. Sie alle seien eins in ihrer Gesamtheit (cümlemiz yekdil, yekcihetiz), behaupten sie, ein zweiter Beweis wird darin gesehen, daß allein Ali von der göttlichen Traube kostet und daraufhin alle Anwesenden im Trance den Sema-Tanz aufführen. Mohammeds kurioseste Beobachtung ist der Ring, den er dem Löwen zur Besänftigung überreicht hatte und den Ali nun aus seinem Mund herausholt. Der Sema findet erstmals hier Erwähnung, im 20.Jahrhundert ist er zum folkloristischen Ereignis degradiert, alevitische Autoren fordern häufig die Gläubigen auf, Abstand zu nehmen von auf den Sema-Tanz basierenden Tänzen bei öffentlichen Feierlichkeiten, da dieser an Kriterien gebunden und sinnlichen Ursprungs sei, nicht aber als Unterhaltungsmusik mißbraucht werden dürfe.

Ali findet in Gebeten bevorzugt Erwähnung (Ya Ali, ya Muhammed [Oh Ali, oh Muhammed]), seine Konterfei sind oftmals dominierende Augenweide alevitischer Wohnungen, sein Schwert „Zülfikar“, mit dem er große Heldentaten vollbracht haben soll, ziert als Amulett häufig den Halsschmuck Gläubiger. Nichtsdestotrotz wird Mohammeds Name gleichermaßen in Ehren gehalten, es bestehen kaum Zweifel daran, daß er Empfänger der göttlichen Offenbarung gewesen ist; Alis Rolle dabei ist allerdings nicht von unterschätzendem Wert. Während Mohammed allein Gesandter Gottes ist, scheint Ali ein vertrautes Verhältnis zum Allmächtigen zu pflegen und seinem Ansinnen noch vor Mohammed bewußt gewesen zu sein. Wir können aufgrund dieser für sich sprechenden Fakten über eine Ali-Verehrung hinausgehen und von Ali-Anbetung sprechen.


2.3 Soziale Organisation

Sogenannten „baba“ (Vater), „dede“ (Großvater) oder „pir“ (persisch: Meister, Alter) kommt die Religionsleitung zu, die Gläubigen vertrauen ihrer Segensmacht und ihnen innewohnenden Wunderkräften (keramet ve bereket). Grabstätten heiliger Männer avancieren zu Pilgerstätten, ihre übersinnlichen Taten sind legendär und werden mündlich tradiert. Ihr Segen genießt hohes Ansehen und wird regelmäßig beansprucht, in der Regel alljährlich beim Cem-Ritual, aber auch dringliche Fälle (Krankheit, Malocchio) werden an sie weitergetragen. Noch heute versprechen sich Kranke Heilung, wenn der Dede Gebete flüsternd über das Gesicht seines Gegenübers haucht.

Man kann von einem reduzierten Kastensystem ausgehen, da die Gemeinschaft in zwei kategorisch voneinander unterschiedlichen Gruppen aufgeteilt ist. Auf der einen Seite stehen die „talip“ (die Sterblichen), auf der anderen die „ocakzade“ (Söhne des Geschlechts). Letzteren ist die religiöse Führung vorbehalten, daß Endogamiegebot hat sich in der Vergangenheit bereits hier bemerkbar gemacht, im letzten Jahrhundert verlor es aber völlig an Bedeutung, so daß man auf viele Ehen zwischen talips und ocak-Mitglieder stoßen kann.

Der Pir wird intern von den ocak-Mitgliedern zu seinem Amt berufen. Zu seinen Aufgaben gehört es, einmal jährlich die Cem-Zeremonie für die ihm zugewiesene Gemeinde (talip) abzuhalten, Streitigkeiten zu schlichten und den Fortbestand der Gemeinde durch Wissensweitergabe zu gewährleisten. Mithin kommt es aber auch oft vor, daß der älteste Sohn des Pir das Amt weiterführt, ohne daß eine Abstimmung erforderlich wäre.

Das Abstammungsprinzip grenzt auch die „ocakzade“ gegenüber dem „talip“ ab, die dadurch ihre Legitimation zur Führung der Gemeinde herleiten, indem sie sich auf eine väterliche Linie zu den zwölf Imamen berufen; das Endogamiegebot kommt zwischen ihnen gleichfalls zum Tragen. Hierarchisch über den „pir“ steht der „mürsit“, der als Oberhaupt des Çelebi-Zweigs in Hacibektas als „Pol der Zeit“ gilt. In der Rangordnung ganz unten steht der „rehber“, dem die Aufgabe zukommt, die talips in die Lehre einzuweisen, bei Nichtverfügbarkeit des „pir“ Bagatelldelikte zu schlichten und ihn beständig auf dem Laufenden zu halten. Der „rehber“ muß nicht Mitglied einer heiligen Familie sein, beim „pir“ ist dies grundsätzlich der Fall, obwohl auch hier Ausnahmeregelungen greifen können. Angeeignetes Wissen über das Wesen des Weges (yol) können durchaus dazu befähigen, sich zum „pir“ berufen zu lassen und dieses Amt auch seinen Nachkommen zu übertragen.


2.3.1 „Keramet“

Am Beispiel des Bergmassivs Düzgün-Baba (Vater Düzgün) nahe des Städtchens Nazimiye in der Provinz Tunceli, benannt nach einem alevitischen Heiligen, soll die Rolle heiliger Männer bei der einheimischen Bevölkerung aufgezeigt werden. Der Überlieferung zufolge soll Düzgün Leiter eines Ordens gewesen sein. Er selbst aber habe an seinem „keramet" gezweifelt, nachdem er an einem Wintertag seinen Schäfer gesucht und ihn inmitten von Schneemassen auf einer saftig grünen Wiese vorgefunden habe. Da erst habe er erkannt, daß die wahren Wunderkräfte nicht ihm, sondern seinem Schäfer eigen seien. Vor Scham sei er ins Exil geflüchtet, eben auf oben erwähnten Berg. Einer Gesteinsmasse in Form einer Wanne wird nachgesagt, in diesem habe er sein Bad zu nehmen gepflegt, eine Einkerbung im Fels erinnert an eine mit der Elle eingegrabene Öffnung, Fußspuren sind Indiz dafür, daß er einen bestimmten Pfad beschritten habe. Dem Massiv liegt diametral in etwa 20 Kilometer Entfernung ein anderer Berg namens Hamik; beide hätten sich in früheren Zeiten bekriegt und beschossen, Düzgün sei siegreich hervorgegangen und damit die Ehrfurcht der Gläubigen auf sich vereinen können. Ihm wenden sich die Menschen dieser Region beim morgendlichen Gebet stehenden Fußes zu, beide Handflächen sind ausgestreckt und zum Allmächtigen gerichtet. In Flüsterton wird das Gebet ausgesprochen, wobei oftmals der Name Alis und Mohammeds durchdringen; das Ritual klingt mit dem Herabstreichen beider Hände über die Wangen aus.

Dem Berg werden heilsame Kräfte nachgesagt, oft schon sei vorgekommen, daß Blinde nach Aufsuchen von Düzgün-Baba und dem Erbringen eines Opferlamms wieder die Sehkraft erlangt hätten, Gehbehinderte laufen konnten oder Schwerkranke ihrer Leiden geheilt wurden. Während Düzgün-Baba nicht mehr unter den Lebenden weilt, gibt es eine Vielzahl Männer, allesamt Mitglieder heiliger Familien, denen gleichfalls Wunderkräfte angedichtet werden. Das Erbe geht in dieser Region vom Vater auf den Sohn über, wobei allen männlichen Nachfahren die ehrerbietige Anrede „baba“ (Vater) oder „dede“ (Großvater) und den Frauen „ana“ (Mutter, Großmutter) zuteil wird. Die heiligen Familien sind Angehörige der „Qüeresanli- und Babamansur-Sippen“, ihnen zugeteilte „talip“ werden regelmäßig aufgesucht und beraten; als Gegenleistung stehen ihnen Gaben in Form von Geldgeschenken oder Naturalien zu (çiralik).

2.3.2 Der Ayin-i Cem

Religiöse Zeremonien finden traditionell einmal im Jahr statt und heißen Ayin-i Cem bzw. Cem. Das Ritual wird von einem Dede durchgeführt, Begleitmusik und der sogenannte Sema-Tanz sind wesentliche Bestandteile der Feier, an der Männer wie Frauen gleichermaßen teilnehmen. Versammlungsort für die Gemeinde ist das Cem-Haus (Cemevi). Es besteht keinerlei Affinität zum Gebetsritual des Sunnitentums, die Gläubigen verneigen sich nicht gen Mekka; vielmehr handelt es sich um eine kultische, kollektive Zusammenkunft, in der neben dem pir elf weitere Initiationsbeauftragte die Abfolge des Cem nach festgesetzten Regeln durchführen.

Das Cem-Ritual ist zugleich zentrales Moment des gesellschaftlich-religiösen Lebens der Alevi. Opfermahl, ritueller Umtrunk, Musik, religiöse Hymnen und kultische Tänze sind seine festen Bestandteile. Die Teilnahme setzt voraus, daß der pir zuvor alle Streitigkeiten geschlichtet haben muß, da die Zeremonie nur mit reinen Herzen begangen werden kann.


2.3.3 Die Stellung des Wahlbruders (Müsahip)

Die Bedeutung des Müsahip (müsahiplik, auch „ahiret kerdesligi“ [Jenseitsbruderschaft] und „yol kardesligi“ [Wegbruderschaft]) ist mancherorts so groß, daß bei Nichtvorhandensein einer solchen Beziehung die Teilnahme an religiösen Zeremonien verweigert wird. Primär bedeutet die Bruderschaft Solidarität in allen Lebenslagen und die Teilung jeglichen Eigentums. Die Beziehung ist somit engmaschiger als zu einem Blutsverwandten. Sie wird unter gleichaltrigen, verheirateten Männern geschlossen, die Auswahl des Bruders ist jedem freigestellt und schließt die Ehefrauen mit ein. Sie verpflichtet beide Seiten bis über den Tod hinaus; das Ableben eines Bruders bringt für den anderen die Verpflichtung mit sich, dessen Familie zu versorgen. Die Bindung soll sowohl Gruppensolidarität als auch –identität stärken, einen Fürsprecher im Jenseits bilden und die Vollmitgliedschaft in der Kultgemeinde ermöglichen.

2.3.4 Die Stellung der Frau

Wenn man die hierarchische Struktur der religiösen Ämter außer Betracht läßt, ist die Stellung der Frau im kultischen Leben der Aleviten als gleichberechtigt anzusehen. Die Aufgaben der Ehefrau des Dede sind teilweise mit dem der Dedes synchron, ihre Meinung wird bei Tabubrüchen und Sanktionen miteinbezogen; in jedem Fall genießen sie einen hohen sozialen Status. Der Umstand, daß heilige Familien die religiöse Führung innehaben, garantiert auch den Kindern solcher Familien, beliebig welchen Geschlechts und ob sie Mitglieder von talip-Familien (Anhängerschaft) geehelicht haben, eine Vorzugsstellung in der Gemeinde. Zwar ist die Gleichstellung von Mann und Frau faktisch nicht gegeben, im sozialen Alltag machen sich patriarchale Strukturen durchaus bemerkbar, der Anspruch von „namus“ (Ehre) manifestiert sich auch bei den Aleviten im sexuellen Wohlverhalten der Frau. Nichtsdestotrotz genießen sie im Vergleich mit sunnitischen Frauen größere Freiheiten. Das Tragen eines Kopftuchs ist kein Obligat, obwohl ältere Frauen in ländlichen Gebieten diesen Usus durchaus befolgen, wobei nur die Haare teilweise bedeckt werden und Schleier absolut unüblich sind. Ihnen kommt hingegen das Monogamie-Gebot zugute, zudem ist ihre Anwesenheit bei geselligen Versammlungen nicht verboten, der Alkoholkonsum ist beiden Geschlechtern vorbehalten, eine geschlechtsspezifische Diskriminierung findet zumindest während der Initiation nicht statt.

Nichtsdestotrotz kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch die Aleviten eine patriarchale Gesellschaftsstruktur haben. Oftmals wird in der Literatur geflissentlich verschwiegen, daß die gestellten Vergleiche stets Sunniten und Aleviten gegenüberstellen und die Alevitin bei dieser Gegenüberstellung positiv abschneidet, weil ihr in diesem besonderen Fall mehr Rechte zugestanden werden als ihrer sunnitischen Geschlechtsgenossin.


2.3.5 Die Rechtsprechung

Die marginale Situation, in der sich die Aleviten nach ihrem Rückzug aus der osmanischen Gesellschaft befanden, erforderte die Schaffung einer Reihe von Institutionen, die dazu dienten, ihre Unabhängigkeit von der Außenwelt zu sichern. Hierzu gehörte neben der Einführung des Endogamiegebots die Schaffung eines komplexen sozial-religiösen Netzwerks, wobei jedes Mitglied einem geistigen Führer zugeteilt wurde, der als höchste Instanz in jeder Problemlage diente.

Die Rechtsprechung weist regionale Unterschiede auf, ist aber ausschließlich dem Pir vorbehalten, wobei auch dieser sich an Grundsätze zu orientieren hat, die in den buyruk festgehalten sind (Ahitname). Kapitalverbrechen (Mord) werden höher bestraft als beispielsweise Eigentumsdelikte wie Diebstahl. Die Sanktion kann sich in einer Geldstrafe widerspiegeln, aber auch körperliche Züchtigung oder der Ausschluß aus der Gemeinde können zur Anwendung kommen, wobei die Exkommunikation vom zuständigen Mursit wieder aufgehoben werden kann. Notwehr kennt auch die alevitische Jurisprudenz als Strafmilderungsgrund. Die Errichtung der Rechtsinstitution sicherte den Aleviten über die Jahrhunderte hinweg Rechtsautarkie im Osmanischen Reich, von den religiösen Führern verhängte Maßnahmen zielten darauf ab, möglichen Spannungen und größeren Konflikten vorzubeugen.. Heute sind sie nicht mehr existent, die Zuständigkeit staatlicher Gerichte wird allgemein anerkannt.


2.4.1 Nevruz

Unter den Aleviten gilt Nevruz (9. bzw. 21.März) als Geburtstag Alis oder seines Sohnes Hüseyin. Die Feierlichkeiten beginnen auf dem Friedhof, begleitet durch Klagelieder der Frauen und werden auf Wiesen, zumeist unmittelbar an Friedhöfe grenzende Orte, fortgesetzt. Die Kurden feiern ihn als Neujahrsfest, als Frühlingsbeginn wird er in der gesamten schiitischen Welt begangen.

2.4.2 Hidrellez-Tag

Im Unterschied zum Nevruz wird dieser von der gesamten türkischen Bevölkerung gefeiert. Die Gläubigen sammeln Blumen und Pflanzen, an deren Heilkraft sie glauben. Weiterhin werden Geldbeutel an Sträucher aufgehangen, Opfertiere geschlachtet und besonders zubereitete Brote verteilt, damit der „Hizir“, jener Heiland mit übersinnlichen Kräften, der in Zeiten der Not zur Hilfe eilt, den Menschen Fruchtbarkeit und Glück bescheren möge.

2.4.3 Der Asure-Tag

Dieses Fest wird an Anschluß an das zwölftägige Muharrem-Fasten zelebriert. Eine aus zwölf Zutaten bereitete Suppe wird am 10.Muharram innerhalb der Gemeinde weitergereicht, d.h. jeder Haushalt kocht seine eigene Suppe und verteilt sie portioniert in der Nachbarschaft. Sowohl die Anzahl der Zutaten als auch die der Fastentage sollen an die gepeinigten Imame erinnern. Heute wird die Fastenzeit kaum noch befolgt, insbesondere die Jugend weiß um die Bedeutung der religiösen Feiertage kaum noch Bescheid. Der Asure-Tag hingegen ist wohlbekannt, die ältere Generation begeht diesen Tag nach wie vor.

2.5 Moralische Gebote der Aleviten

Das oberste moralische Gebot lautet: „Eline, beline, diline sahip ol“ (Hüte Deine Hände, Deine Lende, Deine Zunge). Diese normative Eigenbezeichnung kann zugleich als substantieller religiöser Identitätsfaktor gewertet werden.

Die Kontrolle über die eigenen Hände soll zum Ausdruck bringen, daß fremdes Eigentum tabu und unbedingt zu respektieren ist. Der Respekt dieser Maxime ging mancherorts soweit, daß sich alevitische Händler weigerten, Waagen zu benutzen, weil sie der Meinung waren, diese könnten womöglich ungenau sein; statt dessen benutzten sie Meßgefäße. Brandenburg erwähnt eine solche Reisebeobachtung: „Die Kysylbasch leben hauptsächlich vom Opiumbau und Kohlenbrennerei. [...] Ich habe mehrfach gesehen, dass sie Abwiegen bei ihren Tauschgeschäften gern vermeiden und lieber zählen.“

Die Beherrschung der Lende legt die sexuellen Richtlinien der Gemeinschaft fest. Monogame Ehen sind vorgeschrieben, Ehebruch konnte zur Exkommunikation führen. Die Beherrschung der Zunge schließlich soll Lügen und Verleumdung Einhalt gebieten, gleichzeitig bringt es zum Ausdruck, daß Außenstehenden keine Geheimnisse der Lehre preisgegeben werden dürfen.

Die oben aufgeführten Gebote sind nicht als bloße Moralkodizes aufzufassen, vielmehr sie sind kategorisch und haben normativen Charakter. Die Nichteinhaltung wird mit drastischen Maßnahmen sanktioniert, Exkommunikation ist eine der Konsequenzen, körperliche Züchtigung oder gesellschaftliche Ächtung sind weitere Möglichkeiten der Bestrafung. Nur unter Berücksichtigung der Lebensumstände werden die Folgen solcher Sanktionen deutlich: Angesichts osmanischer Dominanz und Verfolgung war die Zugehörigkeit zum Kollektiv lebensnotwendig. Noch heute wird bei religiösen Zeremonien ein Gelübde auf diese drei zentralen Gebote abgelegt.


4.1 Auflösungstendenzen

Erste Auflösungserscheinungen zeigten sich bereits Anfang des Jahrhunderts als Folge von Kriegswirren und einer langsam einsetzenden Abwanderung in die Städte. Diese Tendenz wurde nach der Ausrufung der Republik deutlich verstärkt, weil nunmehr der Großteil der Bedrohungen durch die kemalistische Säkularisationspolitik entfallen war. Der Bau von Straßen durch ihre ehemaligen Rückzugsgebiete, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und die Verbesserung der Kommunikationssysteme brachten die Aleviten in immer stärkere Berührung mit der Außenwelt. Damit setzte ein Prozeß ein, in dessen Folge sich Binnenstruktur, religiöse Praxis und nicht zuletzt das kollektive Selbstverständnis der Gemeinschaft grundlegend verändern sollten; verstärkt wurde diese Entwicklung durch die massenhafte Abwanderung in die Städte.

In den Städten ließ sich die auf die Bedingungen des marginalen Daseins ausgerichtete sozialreligiöse Organisation nicht aufrechterhalten. Wichtige Bereiche des sozialen Lebens wurden der Einflußsphäre religiöser Institutionen entzogen. Durch die Zerstreuung der einzelnen Familien und Gemeinden, die traditionell an ein ocak gebunden waren, konnten die dede ihren früheren Aufgaben immer weniger nachkommen. So wuchs eine neue Generation heran, die keine Initiation erlebte und über die Prinzipien des Alevitentums im Unklaren blieb.

Im Zuge der Politisierung der alevitischen Jugend ab dem 60er Jahren kam es zu einer „subjektiven Säkularisation“ der Gemeinschaft, d.h. die Religion verlor für das Denken und Handeln immer mehr an Relevanz. Die religiösen Amtsträger büßten ihre Autorität fast vollständig ein; als Volksverdummer und Ausbeuter wurde ihnen von der jungen Generation die Gefolgschaft verweigert.
4.1.1 Die Hinwendung zu universalistischen Weltbildern

Die Auflösung der Gemeinschaft ging einher mit der Orientierung zu marxistischen Welterklärungsansätzen. Sozialistische Gruppierungen sprießen zu dieser Zeit wie Pilze aus den Boden, vielfach unterschieden sie sich in der bloßen Idealisierung ihrer jeweiligen Koryphäen der Gründerbewegung und den zusätzlichen Erkennungsmerkmalen marxistisch-leninistisch, kommunistisch, sozialistisch, maoistisch und ähnlicher Varianten. Im Sozialismus glaubte die Jugend die historische Opponentenrolle der Ewiggerechten wiedergefunden zu haben. Zwar verweigerten sie den eigentlichen Autoritätspersonen das Gehorsam und distanzierten sich von Religion und Tradition, dem Epos der unbesiegbaren Kizilbas allerdings trugen sie in sich fort. Allen voran in der Gewerkschaftsbewegung und an den Hochschulen entfalteten sie Aktivitäten, die alte alevitisch-sunnitische Dualität verlor im Bewußtsein der Jugend angesichts von Klassenantagonismen völlig an Bedeutung.

Dieser kurzen Phase folgte alsbald die Ernüchterung. Der Militärputsch von 1980 und die anschließende Repressionspolitik der Zentralmacht in Ankara zerstörten sämtliche politischen und sozialen Kommunikationskanäle. Der anhaltende staatliche Druck bis Ende der 80er und das Erstarken der Islamistenbewegung weckten Zweifel, ob die Hinwendung zum Marxismus um den Preis der Entfremdung von der eigenen Kultur und Identität nicht doch ein Vakuum geschaffen haben könnte, das unmittelbar in die Sinnkrise führte.

4.1.2 Alte, neue Feinde

Die Re-Islamisierung schuf zudem alte Feindbilder im neuen Gewand. Aleviten waren nicht mehr lediglich die verhaßten Kizilbas von ehemals, derer man aufgrund der Isolation zwar nicht begegnete, über die häretischen Praktiken aber ausreichend informiert zu sein glaubte. Zur Blasphemie und Unmoral gesellten sich neue Anfeindungen, das Begriffstrio „Kurde, Kizilbas und Kommunist“, allesamt programmatische Bezeichnungen für Feinde der Republik und des Islam, wurde synonym benutzt mit Aleviten.

Dieser Mißmut ist in der gesamten Islamwelt weitverbreitet. Sowohl die Aleviten als auch andere, mystischen Paradigmen nahestehende Stränge sind in der Islamgemeinde Grund für Argwohn und Ablehnung. Exemplarisch dafür ist der unten sowohl vom Autor als auch von den Homepage-Administratoren unzensiert übernommener Text:

„Alevism is an heretic and a blasphemic sect that worship the devil. Alevis consider themselves muslims but I dont know what kind of religion do they follow. They are kafirs and sinners because they say that Ali is God (stagfirullah!!!). In my opinion all the alevis are going to hell as well as other shiites like the twelvers, ismailites, druzes, alawites, bahais, baktashis, etc. Alevism and all the shiite sects were all sects founded by jews that wanted to destroy islam. If any muslim wishes to go to heaven, he or she has to follow the kuran and the teachings of our prophet Muhammad (pbuh), but alevis dont believe in the Kuran and for the alevis the teachings of Ali and the rest of the "imams" are most important than the teachings of our holly prophet. ALLAH will not forgive the alevis and ALLAH will send them to hell.“

Ähnlich auch das Denken in der Türkei, noch heute hält sich hartnäckig der Inzestvorwurf. Zeit ihrer Geschichte waren die Aleviten mit der von Sunniten aufgebrachten denunziatorischen Bezeichnung „mum söndü“ (die Kerze ist verlöscht) konfrontiert, welche dem Ayin-i cem Orgiencharakter und den Alevi allgemein sexuelle Unmoral unterstellt, weil Männer und Frauen am Gebetsritual gemeinsam teilnehmen und die Zeremonien aus Furcht vor Übergriffen im Osmanischen Reich unter höchster Geheimhaltung abgehalten wurden.


4.3 Revitalisierung des Alevilik

Die Expansion des Alevilik in der Türkei datiert auf Anfang 1990, umschrieben wird diese Phase lapidar mit dem Begriff „Alevilik patlamasi“ (Alevitische Explosion). Die Türkei ist in diesen Jahren innerlich gespalten, der Krieg mit der kurdischen PKK tobt in aller Härte, Inflation und Rezession nagen an den Fundamenten des Staates. Den Autonomieforderungen der Kurden begegnen die rasch wechselnden Regierungen mit einer rigiden und kategorischen Vorstellung von Integrität und Unteilbarkeit der Republik. Um so frappierender die moderate Haltung der Obrigkeit gegenüber dem neuentflammten Alevilik, jener tabuisierten Islamaus-legung, mit dessen Anhängern bereits die osmanischen Ahnen unerbittliche Kämpfe ausgetragen und sie schließlich für mehr als vier Jahrhunderte zu einer stigmatisierten Subkultur degradiert hatten. Damit ist nicht gesagt, daß der Staat etwa das Alevitentum propagiert habe, vielmehr war es seine bemerkenswerte Zurückhaltung, die Fragen aufkommen ließ. Sollte die Türkei mit der Tolerierung der alevitischen Bewegung strategische Ziele verfolgen?

4.3.1 Die Medienkampagne

Den Grundstein für die Medienkampagne legte 1990 die überregionale Tageszeitung Sabah mit einer neunzehnteiligen Serie und löste damit eine Publikationswelle ungeahnten Ausmaßes aus. Kein namhaftes Medium ließ es sich fortan nehmen, zum Thema zu veröffentlichen. Große Tageszeitungen wie Milliyet, Hürriyet und Günes, aber auch konservative Gazetten wie die Zaman, die sich bislang beharrlich diesem brisanten Thema verweigert hatten, wußten nun die Bevölkerung über ein scheinbar nie zuvor dagewesenes Phänomen aufzuklären. Auch staatliche Institutionen warteten mit eigenen Schriften auf, begleitet durch Bücher (pro)alevitischer Autoren im ganzen Lande.

4.3.2 Das alevitische Manifest (Alevilik bildirgesi)

Der eingangs erwähnten Cumhuriyet-Reihe kommt in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zu, hauptsächlich aufgrund ihrer Reputation im linksliberalen Spektrum als meinungsbildendes Medium, aber auch wegen dem in diesem Rahmen veröffentlichten alevitischen Manifest sowie der sachlich-profunden Recherchen und Analysen. Nichtsdesto-trotz konnten die Reaktionen sowohl auf die Reportage als auch den Forderungen des Manifestes kontroverser nicht ausfallen. Bemängelt wurde unter anderem, daß keiner der Unterzeichnenden alevitischen Glaubens ist und die Kampagne neben der türkisch-kurdischen Demarkation zu einer neuerlichen Spaltung im Lande führen, gar irländische Zustände mit sich bringen werde. Die Autoren suggerierten demzufolge vermeintlich traditionelle Feindseligkeiten zwischen beiden Bevölkerungsgruppen, die in dieser Form nicht existent seien und lediglich der Aufwiegelung von Menschen dienten, die Kinder einer und derselben Nation seien. Andere Stimmen sahen darin Anbiederungsmentalität, die Forderungen gingen nicht weit genug, der Verweis darauf, auch die Aleviten seien ein Strang des Islam, komme dem Staat entgegen, widerspräche allerdings der jahrhundertelangen Opponentenhaltung.

Das Manifest indes ist von keinerlei Radikalität gekennzeichnet und gibt einzig legitime Forderungen der Glaubensgemeinschaft wieder. In Form eines Plädoyers wird zunächst darauf hingewiesen, daß im Lande 20 Millionen Aleviten leben und ihre Glaubensauffassung ebenso wie die Sunna, die offizielle Staatsreligion, ein Zweig des Islam ist. Weiter heißt es: „Wenn der Ursprung auch der Islam ist, so gibt es zwischen dem alevitischen und dem sunnitischen Islam sowohl in der Lehre, als auch im Alltagsleben Diffrenzen. Unser sunnitisches Volk weiß nichts über das Alevitentum, seine Ansichten darüber rühren vom Hörensagen und aus völlig haltlosen Vorurteilen. Überdies vertritt das Bundesamt für religiöse Angelegenheiten ausschließlich den sunnitischen Zweig, ob nun in staatlichen Schulen, in den Moscheen oder anderen Lebensbereichen, überall ist der sunnitische Islam omnipräsent, währenddessen die Aleviten geleugnet werden.“ Die Autoren loben die Rolle der Aleviten während des Befreiungskrieges an der Seite Atatürks, konstatieren aber zugleich, daß auch die Republik den Aleviten die erhoffte Gleichstellung nicht beschert habe; schließlich werden sie als Garanten für eine moderne, demokratische und freie Türkei angepriesen. In den Forderungen heißt es, daß die Unterdrückung der Aleviten aufhören müsse. Künftig solle sich jeder Alevit in der Öffentlichkeit auch als solcher zu erkennen geben können. Im Religionsunterricht solle auch die alevitische Lehre gelehrt werden, das Bundesamt für religiöse Angelegenheiten müsse auch Interessen der Aleviten vertreten, Funk und Fernsehen sollen die Gemeinschaft nicht mehr ausklammern, Moscheebauten in Alevi-Dörfern müßten aufhören. Zur iranischen Schiia wahrt das Manifest große Distanz, mit dieser habe das Alevitentum keine Gemeinsamkeiten, die laizistische Orientierung wird in den Vordergrund gerückt und schlußendlich die Garantenrolle der Aleviten für den Laizismus betont. Alles in allem also moderate und berechtigte Forderungen an die Majorität.


4.4 Aleviten in Europa

In europäischen Medien finden Aleviten häufig Erwähnung als gemäßigte Muslime, die sich laizistischen, weltoffenen und demokratischen Weltbildern verschrieben hätten. Frefel spricht von ihnen als „schiitische“ Aleviten, in der Frankfurter Rundschau werden sie „Alawiten“ genannt, bei denen im Gegensatz zum sunnitischen Islam Frauen und Männern gleiche Rechte zustünden. An gleicher Stelle wird konstatiert, ihr liberales Religionsverständnis mache sie zu Intimfeinden der sunnitischen Theologie. In einem Beitrag des linksradikalen „Widerstand“ heißt es, erst durch das Erstarken der alevitischen Bewegung in der Türkei sowie in Europa trete die alevitische Glaubensgemeinschaft mit seinem Begehren für Eigenständigkeit und Gleichberechtigung sowie Freiheit aller Glaubensauffassungen in der Türkei in die Medien.

In Kapitel 3.1 wurde bereits erwähnt, daß sich Aleviten relativ frühzeitig nach Europa anwerben ließen. Genaue Zahlen liegen bislang nicht vor, allerdings legen die seit Anfang der 90er einsetzenden Vereinsgründungen nahe, daß die Bewegung auf fruchtbaren Boden stößt. Die linksradikale Zeitung „Widerstand“ beziffert die Zahl alevitischer Gemeinden unter dem Dach der „Europäischen Föderation der Aleviten-Gemeinden" (AABF, Hauptsitz in Köln) auf 130, insgesamt zählten diese 20.000 Mitglieder. Gülçiçek gibt die Zahl der Vereine europaweit mit 140 an, 93 davon allein in Deutschland; sogar in kleineren Städten wie Lahnau (Hessen) oder Selb (Unterfranken) haben sich Interessenvertretungen gegründet. Auch in den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Österreich ist der Organisierungsgrad beträchtlich, die Zahl alevitischer Kulturgemeinden in Großbritannien, Dänemark und Schweden hingegen ist verschwindend gering.

Die eingangs erwähnte AABF verfolgt eine gemäßigte Politik und nimmt keine direkte oppositionelle Haltung zum türkischen Regime an. Der Türkei ist die Föderation dennoch nicht geheuer, weil sie sich von Zeit zu Zeit Kritik in Menschenrechtsfragen anhören muß. Deshalb ist das Land nach AABF Meinung versucht, staatskonforme Organisationen zum Leben zu erwecken und diese mit nicht unbeträchtlichen Geldmengen zu unterstützten. Der halbstaatlichen Stiftung „Republikanische Erziehungszentrale“, dessen türkische Bezeichnung „Cumhuriyetçi Egitim Merkezi“ bzw. „C.E.M.-Vakfi“ mit ihren Anfangsbuchstaben gewolltermaßen den Begriff C.E.M. imitiert (hier sollen Analogien zum alevitischen Cem-Ritual geweckt werden), gilt der Vorwurf zuallererst. Dem Verband sitzt der äußerst populäre alevitische Dede Izzettin Dogan vor. Mit Aktionen, wie das Versprechen vom Abzweigen des Budgets des Religionsministeriums für die C.E.M., dem Sponsoring einer Hochglanz-zeitschrift mit gleichem Namen und einem Budget für den Aufbau eines C.E.M.-Netzes in Deutschland, zeige sich der Stellenwert der „C.E.M.-Vakfi“ für die türkische Regierung. Izzettin Dogan hingegen wird in allen türkischen Fernsehsendern, die in Deutschland zu empfangen sind, zum einzig wahren alevitischen „Führer“ deklariert. Schließlich hat man es geschafft, etwa ein Dutzend alevitische Ortsvereine in Deutschland zu einem Zusammenschluß zu vereinigen und eine "C.E.M.-Föderation" in Deutschland, mit Sitz in Essen, zu gründen. Der AABF stehen scheinbar auch keine geringen Geldmittel zur Verfügung, auch sie gibt eine auflagenstarke Zeitschrift (Alevilerin Sesi) heraus, die Gründung der „Alevi Akademisi“ (Alevitische Akademie) in Köln ist ihr Verdienst; vom Vorsitzenden Ali Kiliç wurde die Einrichtung als Scheidepunkt in der alevitischen Geschichtsschreibung angepriesen.

Dogan selbst nahm im April 1998 an einem Symposium des alevitischen Kulturzentrums Duisburg teil, zu dem die Ikonen der alevitischen Dachverbände aus der Bundesrepublik und der Türkei geladen waren. Die Disputanten stellten sich der Frage, warum die Aleviten nicht unter einem Dach zusammenfinden könnten, statt dessen splitterhaft in mehreren Verbänden agierten. Während Dogan den Glaubensaspekt und damit die Affinität zum und die Immanenz des Islam in den Vordergrund rückte, distanzierte sich ein Redner fundamentalistischer und reaktionärer Inhalte wegen von der Lehre Mohammeds und den Richtlinien des Koran. Andere wiederum betonten den politischen und zeitlebens nonkonformen Charakter des Alevitentums, der sich stets gegen Intoleranz und Gewaltherrschaft aufgelehnt habe. Dogan mochte sich den häufig erhobenen Vorwurf der Kollaboration mit dem türkischen Staat nicht gefallen lassen; staatliche Fördermittel aus dem Etat des Ministeriums für religiöse Angelegenheitenn seien berechtigterweise schon immer eine zentrale alevitische Forderung gewesen. Erfolglos versuchte er auf den Widerspruch aufmerksam zu machen, daß man nicht Gleichheit fordern könne, um im nächsten Atemzug nach Distanz zum Staat zu schreien.

Ende des Auszuges


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